Cydonia 2174


Das Feuer prasselte und warf kleine tanzende Funken in den staubigen Himmel. Bei all den Wundern, die es in diesem Universum gab, faszinierte mich seltsamerweise das Feuer am meisten. Es war wie der Mensch. Es fraß, es wuchs und es zerstörte. Und alles, was es hinterließ, waren Schutt und Asche. So wie es der Mensch auf seinem Heimatplaneten Terra auch tat.

Wenn ich meine Blicke über den Horizont schweifen ließ und sie hart rechts an Phobos vorbeilenkte, wie er sich zum wiederholten Male an der Sonne vorbeischob, konnte ich nur erahnen, wo genau Terra lag. Und das war vielleicht auch ganz gut so. Je weiter dieser Planet von uns weg war, desto besser.

Während meine Gedanken einen kleinen Trip zur Erde unternahmen, wurden die Flammen meines kleinen Lagerfeuers immer kleiner. Ich stocherte ein wenig darin herum und legte noch ein paar frische Tech-Hölzer hinein. Diese laborgefertigten und gentechnisch veränderten Pflanzen standen eigentlich unter strengem Schutz, produzierten sie doch fast zehnmal mehr Sauerstoff als herkömmliche Pflanzen. Aber noch geeigneter als zur Sauerstoffproduktion waren diese Hölzer nun mal als Brennmaterial, auch wenn sie ziemlich schnell verglommen.

Wenn ich ein vernünftig denkender Mensch gewesen wäre, hätte ich den Teufel getan und mich zu Fuß durch die karge Marslandschaft gemacht, um meine neueste „Kundin“ aufzuspüren. Schließlich war es ein strammer Marsch von rund einem halben Sol bis zu der Farm, wo sie sich laut meinen Informationen aufhalten sollte. Wäre ich vernünftig gewesen, hätte ich mir einen Rover geliehen. War ich aber nicht. Ich liebte die unberührte Stille hier draußen. Hier, in den Outbacks, gab es wenigstens noch genügend Stellen, auf die noch niemals ein Mensch zuvor seine verschwitzten Füße gesetzt hatte. Hier draußen war alles noch unberührt, und mit jedem Schritt wurde man selbst ein bisschen zu Earl Stuart Starley, dem Pionier, der vor 130 Jahren als erster Mensch den Mars betrat.

Hinzu kam, dass ich, wie dreiviertel aller Marsianer auch, in einer völlig überfüllten Stadt lebte. Und wenn man sein halbes Leben zusammen mit rund drei Millionen Menschen auf engsten Raum leben muss, ist es eine Wohltat, in die Outbacks zu gehen. Auch wenn es ohne sauerstoffanreichernde Maske zumeist nicht ging, aber das mussten so wahnsinnige Mars- Fußgänger wie ich halt in Kauf nehmen.

Der kleine Glasilin-Beutel mit meinem Mittagessen war bereits soweit aufgequollen, dass ich ihn aus dem Feuer nehmen konnte. Gekonnt schob ich ihn mit einem kleinen Ast aus der Glut und spießte ihn auf. Glasilin kühlte sehr schnell ab, und so konnte ich bereits nach einer Minute den Beutel aufreißen und den hellbraunen Inhalt herunterwürgen. Eigentlich sollte meine Mahlzeit nach Goulasch schmecken. Tat sie aber nicht. Es schmeckte eigentlich nach nichts. Raumfahrerfraß eben. Aber für eine kleine Wanderung durch die Outbacks reichte es. Ich war ja schließlich nicht hier, um ausführlich zu speisen. Ich hatte einen Auftrag. Und ich war froh über einen solchen Auftrag. Nicht nur, weil er von Cybernetic Virgins kam, dem größten Vertreiber von Pornografie in Cydonia City. Ein solcher Auftrag brachte in erster Linie eine Menge Krediteinheiten ein. Und nicht nur das. Es war die Chance für einen mittellosen Tracer wie mich, vielleicht einen festen Job im zweitgrößten Giga-Unternehmen hier auf dem Mars zu ergattern. Mit einem festen Gehalt.

Man sollte es nicht glauben, aber es kam tatsächlich öfters vor, dass eine leibeigene KI wie dieser Nutten-Roboter die Biege machte. Zwar hielten Firmen wie Cybernetic Virgins gerne einen Deckel über solche Angelegenheiten, aber es war eine unumstößliche Tatsache, dass KI`s, je Komplexer sie waren, sich gerne über ihre Programmierung hinaus entwickelten. So wie es bei meiner Klientin vermutlich auch der Fall war. Wahrscheinlich hatte sie irgendwann mal spitzbekommen, dass es noch ein Leben abseits des Sich-vögeln-lassens gab und hatte die Flucht vor ihren Besitzern angetreten. In so einem Fall brauchte man einen erfahrenen Tracer. Und ich war so einer. Und noch dazu war ich einer, der dringend Kredite brauchte.

So seltsam es auch klingen mochte, ein regelmäßiges Einkommen war schon ein kleiner Traum von mir. Ein echt trauriger Traum wenn man bedachte, dass jeder halbwegs fähige und registrierte Arbeiter in der Stadt fünfzigtausend Einheiten wöchentlich mit nach Hause brachte. Ein Tracer wie ich etwa nur dreißigtausend. Wenn es eine gute Woche war. Zum Leben war das zu wenig, zum Sterben zu viel. Und selbst hier am Arsch des Sonnensystems musste man Miete zahlen. Also war es mir relativ egal, dass ich einer humanoiden KI hinterherjagte, die lediglich darauf programmiert war, Männergelüste zu befriedigen.

Zwar war ich ihr sehr schnell auf die Spur gekommen, aber die Tatsache, dass sich dieses kleine Roboterbiest in die Wildnis abgesetzt hatte, erschwerte den weiteren Verlauf der Mission ein wenig. Glücklicherweise stellte mein Auftraggeber keine allzu hohen Ansprüche, so war ihnen auch egal, ob ich den kompletten Körper ihrer künstlichen Nutte wiederbrachte, oder nur ihren Chip. Der Chip war ihnen wichtig. Ich bekam meine Kredite nur, wenn ich ihn brachte. Ob mit Verpackung oder ohne. Warum auch immer die Jungs lediglich scharf auf diesen Chip waren, schließlich waren die Körper auch nicht gerade billig. Aber vielleicht bekamen sie ja beim Hersteller eine Art Mengenrabatt.

Wie dem auch war, ich hatte bei der Jobvergabe einfach stillschweigend beschlossen, meiner Klientin einfach eine Kugel in den Blechschädel zu jagen und lediglich mit dem Chip zurückzukehren. So brauchte ich auch nicht zwingend ein motorisiertes Transportmittel. Wieso kompliziert, wenn es auch einfach ging?

Als ich meinen Raumfahrerfraß verdrückt hatte und das verdammte Feuer erneut anfing zu qualmen, und somit jedem Mars-Hillbilly im Umkreis von fünfzig Kilometern meine Position verraten konnte, schob ich eine große Portion Marsstaub in die Flammen. Es erstickte sofort.

Ich rückte meine Maske wieder zurecht, ohne die ich hier draußen in der dünnen Atmosphäre bereits nach wenigen Minuten Atemnot erlitten hätte, und machte mich auf den Weg zu der Farm, auf der sich meine kleine Schraubenfreundin verstecken sollte.

Die Sonne stand noch im Zenit, als ich rund eine Stunde später die ersten Ausläufer des Weidelands der Benski-Farm erreichte. Zunächst fielen meine Blicke auf die tristen Korn-Felder, die von kleinen Aquädukten bewässert wurden. Kleine und mickrige Roggenpflanzen standen dort, aber wenn man bedachte, wie wenige Nährstoffe der Marsboden trotz intensiven Behandlungen hergab, war das kein Wunder. Ohne Nachhilfe durch die Technik wüchse hier vermutlich rein gar nichts. Ich erinnerte mich an den Hype, den die marsianische Presse auslöste, als die Terraformer Projekt Green World ins Leben riefen. Es sollten riesige Plantagenwälder bei Arabia Terra angepflanzt werden, die die vollständige Ausbildung der Atmosphäre um Jahrzehnte verkürzen sollten. Presse und Wissenschaft bezeichneten dieses Projekt als „Das Wunder des modernen Terraforming“. Damals war ich sechs Jahre alt.

Heute bin ich einunddreißig und habe immer noch keine dichten Wälder auf dem Mars gesehen. Kakteen, karge Sträucher und spärliche Wiesen. Das war`s. Wenn man hier draußen so herumwanderte, sah man lediglich eine traurige Steppe. Und so verspürte ich doch ein wenig Hochachtung vor den Farmern, die hier tatsächlich wahnsinnig genug waren, Korn und anderes Zeug anzubauen. Die Ergebnisse waren nicht sensationell, aber sie konnten damit ein paar Menschen ernähren. Zumindest die Menschen, die echte Nahrung essen wollten, nicht das Futter aus den Laboren.

Ich ging langsam an den Reihen der einfachen Holzzäune vorbei, mit denen die Farmer hier oben ihre Gebiete absteckten. In der Ferne kam das einsame, silbrig glänzende Farmhaus in Sicht. Ich musste vorsichtig sein. Hier draußen galten nur so lange irgendwelche Gesetze, wie jemand vor Ort war, der auch ihre Einhaltung garantierte. Man konnte sich vorstellen, wie selten dass der Fall war.

Außerhalb von Cydonia City lebten nur eine Handvoll Farmer und Terraformer, dafür aber jede Menge Outlaws und Raumpiraten. Einen Sheriff suchte man hier im wilden Marswesten dafür vergeblich.

Wenn man wie ich ganz alleine hier herumirrte, konnte man nie wissen, auf wen oder was man alles traf. Waren die Leute normal geblieben, beäugten sie jemanden wie mich nur komisch, waren sie allerdings bereits dem Mars-Koller erlegen, konnte es sein, dass man als Mittagessen endete. Während ich mich also vorsichtig dem Haus näherte, in dem die Benski-Familie entweder fröhlich zu Mittag aß oder irgendwelche grausamen Ritualmorde beging, behielt ich die rechte Hand am Griff meiner doppelläufigen Sixton HP40. Das Ding war uralt und machte schon mal Mucken, hatte aber eine unglaubliche Durchschlagskraft. Und das war für mich das einzig Ausschlaggebende. Große Löcher in Dinge schießen zu können war einfach unbezahlbar. Viele meiner Kollegen mochten auf Mikrowellenwaffen, Phasengewehre oder Laserkanonen setzen, ich bevorzugte Projektilwaffen. Alleine wegen ihres Klangs. Mikrowellenwaffen klangen durch ihre Resonanz-Richter wie ein feuchter Furz, Phasengewehre und Laserpistolen machten überhaupt keine Geräusche. Meine Sixton hingegen spuckte ihr Blei in einem solch herrlich grollenden Gewitter aus, dass ich am liebsten jeden Tag mehrere Magazine verballert hätte. Aber das hätte mich vermutlich finanziell vollkommen ruiniert. Munition war schließlich nicht billig.

Da mich mein aktueller Auftrag in eine Gegend geführt hatte, die jeder vernünftige Mensch eigentlich meiden sollte, hatte ich diesmal ein extragroßes Magazin eingepackt. Fünfzig Schuss. Das war ein halbes Monatsgehalt, sollte aber für meinen Trace in den Outbacks reichen. Wenn ich große Löcher in ein paar Outlaw-Köpfe schießen musste, konnte ich ja die entstandenen Kosten meinem Auftraggeber anrechnen.

Das Farmhaus sah ein wenig aus wie eine verchromte Weinbergschnecke. Ein langer flacher Körper, dahinter ein halbrunder Generator zur Stromerzeugung, auf dem Dach waren zwei Parabolantennen. Eine davon war für die Übertragung von Nachrichten nach Terra gedacht, die andere generierte einen Strahlenschutzschild, ohne den hier draußen, trotz der neuen Atmosphärenschicht, niemand lange überleben konnte.

Über dem Gelände herrschte eine merkwürdige Stille. Hier stimmte etwas nicht. Ich konnte nicht einmal ein leises Summen des Generators vernehmen, lediglich das Plätschern des Grundwassers, das von einer Pumpstation weiter im Osten an die Oberfläche gefördert und durch die kleinen, silbernen Aquädukte hier auf die Felder transportiert wurde. Der Mars ertrank zwar nicht gerade in H2O, schließlich lag das meiste von dem Zeug immer noch tiefgefroren in der Erde oder auf den Polkappen und taute nur langsam ab. Aber für uns paar Menschlein hier oben reichte das, was schon getaut war, zum Leben vollkommen aus.

Ich schlug meinen khakifarbenen Staubmantel zurück und zog die Sixton aus dem Holster. Durch die Berührung des Abzugs lud sie automatisch. Langsam näherte ich mich dem Eingang. Die Schiebetür stand einen Spaltbreit offen. Ich lauschte hinein. Nichts. Kein Laut. Kein gutes Zeichen. Hatte meine entflohene Roboterbraut gar ein Massaker angerichtet? Unwahrscheinlich, denn Schraubenmädels waren mit sehr einfachen Programmen ausgestattet. Dass sie einen geraden Satz herausbringen konnten, grenzte, in Anbetracht der simplen Vernetzung ihrer Bi-Trigulären Sprachsynapsen, fast an ein Wunder. Ich mochte zwar keine humanoiden KI`s, aber es konnte niemals schaden, ihre Funktionsweisen zu verstehen.

Mit dem Rücken an der metallenen Wand des Farmhauses näherte ich mich der Schiebetür. Der feuchte Marsstaub knirschte wie Schnee unter meinen Füßen und trug so nicht gerade dazu bei, meine Anspannung zu lindern.

Ich warf einen Blick in den Innenraum. Die Lichter waren erloschen, die Rollläden vor die Fenster gefahren, und somit war es dort drinnen stockdunkel. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte meinen Körper in der Vergangenheit mit einem Nachtsichtprogramm aufgerüstet. Aber in diesem Falle brauchte ich nichts zu sehen, ich konnte riechen und erahnen, was dort vorgefallen war. Es roch nach Blut und Verwesung. Doch ein Roboter-Amoklauf?

Ich kramte in der Innentasche meines Mantels. Ich wäre ein schlechter Tracer, wenn ich nur Waffen mitgehabt hätte, und so erleuchtete ich mit einer kleinen Ionenlampe den Wohnraum. Der erste Tote lag direkt im Flur. Ich checkte das, was von seinem Gesicht übrig war.

Als ich bei meinen Nachforschungen zum Aufenthaltsort meiner Kundin über den Namen Benski gestolpert war, hatte ich den gesamten Familienstammbaum aus dem City-Stream geladen und mir die Gesichter eingeprägt. Der arme Teufel mit der weggeschossenen Gesichtshälfte war vermutlich Warschau Benski, der 17-jährige Sohn der Familie.

Langsam tastete ich mich weiter in den Wohnbereich. Die nächste Tote, vermutlich die Mutter, lag verdreht über einem billigen Stoffsofa, in ihrem Hinterkopf klaffte ein beachtliches Loch. So wusste ich zumindest schon mal, dass die Angreifer Projektilwaffen benutzt hatten. Mikrowellenwaffen oder gar Phasengewehre hätten nicht viel von den Opfern übriggelassen. Profilkiller fielen als Täter schon mal heraus, für die gab es schließlich keine perfekteren Waffen als die, die ihre Opfer bis zur Unkenntlichkeit zerrissen oder einfach auflösten.

Aber wer zum Teufel hatte hier dieses verdammte Blutbad angerichtet? Eine der marodierenden Mars-Gangs? Möglich.

Meine Blicke schweiften durch das Halbdunkel. Wo ich hinschaute war Blut. Es war an den Wänden geronnen, auf dem Fußboden, auf den Möbeln. Ein Szenario wie im Krieg. Ich schluckte hart. Wenn ich jetzt meine Augen schloss, kämen die Bilder wieder. Die Bilder des Krieges.

Ich schüttelte hart den Kopf, um diese Bilder zu unterdrücken, die da tief in meinem Kopf umherschwirrten und versuchten, ans Tageslicht zu kommen. Ich brauchte jetzt keine Rückblende. Ich musste mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Der oder die Täter konnten noch hier sein. Ich musste mein Robotermädchen finden.

In der Küche fand ich die 18-jährige Tochter Radom. Auch ihr hatte man in den Kopf geschossen. Sie hing mit dem Gesicht in der Spüle und hatte das darin gestapelte Geschirr vollgeblutet. Die Angreifer hatten sie also überrascht, sie hatte ihr Verderben gar nicht kommen sehen. Von hinten in den Kopf geschossen. Der oder die Mörder waren also feige Arschlöcher. Der Verdacht, dass es eine Gang gewesen sein könnte, erhärtete sich.

Instinktiv zog ich meinen Kragen hoch, als könne ich mich so gegen eine Kugel aus dem Hinterhalt schützen.

Ich suchte weiter den kleinen Wohnbereich ab und fand schließlich meine „Kundin“ unter einem Stapel Kissen, als hätte sie sich vor den Angreifern verstecken wollen. Ich kniete mich zu ihrem leblosen Körper hinunter. An diesem war kein Einschussloch zu finden, dennoch hatten die Angreifer sie außer Gefecht gesetzt. Ich vermutete, dass die Schraube mit einem gezielten und äußerst starken EMP in den Maschinenhimmel befördert worden war.

Ich betrachtete ihr Gesicht. Sie war, so wie alle humanoiden KI`s, die zur Prostitution gebaut worden waren, bildhübsch. Zierlich, fast wie eine Porzellan-Puppe. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass meine Zielperson eine KI war, ich hätte sie niemals als solche erkannt.

Es war schon faszinierend. Humanoide KIs sahen aus wie Menschen, sie rochen wie Menschen und verhielten sich auch größtenteils wie Menschen. Ihre Haut und ihre Haare waren biologisch, also menschlich. Die Erbauer übertrafen sich bei jedem ihrer Kreationen selbst. Jede von ihnen war ein Unikat, und sie als Schraube zu identifizieren war sehr schwierig. Es sei denn, man verwickelte diese Dinger in tiefgreifende Gespräche. Die meisten Modelle waren mit einem begrenzten Wortschatz ausgestattet, und auch die Intelligenz-Bremse bemerkte man in einem Gespräch ziemlich schnell. Wenn man also versuchte, mit einer Bedien-KI in einem Restaurant über banale Dinge wie das Wetter zu sprechen, kam man damit nicht weit. Die breite Masse der Standardmodelle war eben zweckmäßig konstruiert und programmiert worden, lediglich auf das äußere Erscheinungsbild legte man viel Wert. Und auf das Innere, denn sogar ihre inneren Organe waren denen der Menschen nachempfunden, erfüllten bei den KIs allerdings einen ganz anderen Zweck.

Wenn ich sie so da liegen sah, empfand ich fast ein wenig Mitleid. Aber nur, weil meine Augen einen Menschen sahen und mein Gehirn nicht kapieren wollte, dass dort eine Maschine vor mir lag.

Ich zog langsam mein Kampfmesser aus dem Stiefel. In ihrem Nacken gab es eine kleine Klappe, hinter der ihr Hauptchip saß. Auf diesem Chip waren sämtliche Informationen und Daten abgelegt, die sie zu dem machten, was sie war. Eine Maschine mit einer eigenen Persönlichkeit.

Eigentlich hatte der Hersteller, die nahezu allmächtige Devlin Corporation, ihrem gesamten Nutten-Sortiment einen nicht sonderlich hohen IQ zugedacht. Dennoch war diese Schraube ein Individuum, ein Wesen mit bestimmten Vorlieben, Wünschen oder kleinen Spleens, wie jeder Mensch sie auch hatte. Und sie hatte Träume, ansonsten wäre sie niemals aus der Stadt geflohen. Ihre einprogrammierte Intelligenz-Bremse schien versagt zu haben. Sie hatte sich über sich selbst hinausentwickelt. Das kam vor. Und zwar öfters, als man dem Großteil der Bevölkerung glauben machen wollte.

Ich war schon zu lange im Tracer-Geschäft, hatte bereits zu viele abhandengekommene Schrauben einfangen müssen, als dass ich noch glaubte, humanoide KIs seien nicht viel mehr als überentwickelte Taschenrechner. Die Zeiten waren schon lange vorbei.

Ich strich mit meinem Daumen über ihre Haut. Sie war weich und heiß, die kryogenen Flüssigkeiten kühlten ihre Systeme schon lange nicht mehr auf menschliche Körpertemperatur ab. Es konnte nicht mehr lange dauern, dann kochte ihre Energiezelle über und implodierte. Ich musste mich also ein bisschen beeilen, wollte ich den Chip noch unbeschadet aus ihr herausbekommen. Ich setzte das Kampfmesser an ihrem Nacken an und schnitt in bester Chirurgen-Manier die Klappe frei. Mit einem kurzen Druck öffnete sie, darunter steckte der Chip. Ich zog daran. Er saß verflucht fest. Vorsichtig nahm ich das Messer zur Hilfe. Ein leiser Klick ertönte und der Chip war frei. Ich hielt das daumennagelgroße, dreieckige Teil hoch und drehte es hin und her. Eine kleine, grünleuchtende LED zeigte an, dass der Chip noch aktiv war und dass sich Daten darauf befanden.

Ich wusste, dass darauf vermutlich auch die Aufzeichnungen von dem Überfall zu sehen waren. Aber es lag nicht in meinem Aufgabenbereich herauszufinden, wer hier gewütet hatte. Und im Grunde war es mir auch egal. Ich wurde schließlich nicht dafür bezahlt, Detektiv zu spielen.

Mit meiner Beute in der Manteltasche verließ ich das Farmhaus und wollte das blutige Szenario hinter mir lassen. In der Ferne grollte es, und eine feuerrote Staubwolke legte sich langsam über den Horizont. Mein biologisches Assistenz-System projizierte eine Warnung auf meine innere Netzhaut. Es signalisierte mir einen Temperatursturz von 20 auf 14 Grad. Ein Gewitter braute sich zusammen, direkt über der Stadt. Genau dort, wo ich hin musste. Prima! Im Freien von einem Mars-Gewitter überrascht zu werden zählte, neben einer Supernova, zu den Dingen in meinem Leben, die ich möglichst nie aus der Nähe erleben wollte. Die Jungs vom Terraforming-Programm hatten bislang noch keine geeigneten Maßnahmen entwickelt, um die verheerende Wucht eines solchen Gewitters abzumildern. Staub und Sand rasten dann gerne mal mit über zweihundert Stundenkilometern über unsere kleine Welt, brachten zudem noch Hagel, Schnee oder Regen mit sich. Alles in allem eine Mischung, die einem schon mehr als übel zusetzen konnte. Überlebenschancen als Fußgänger in einem solchen Wetterdesaster: Fünfzig Prozent. Aber wen wunderte schon das extreme Wetter auf dem Mars. Wir Menschen hatten einen toten Planeten wieder zum Leben erweckt. Und wenn man Tote erweckte, liefen die halt ab und zu Amok. Kannte man ja bereits von Frankensteins Monster.

Ich spielte weder gerne Russisches Roulette, noch mochte ich Monsterstürme. Und herausfinden, ob ich einen Marssturm überleben konnte, wollte ich auch nicht. Also blieb mir momentan keine andere Wahl, als zurück ins Haus zu gehen und abzuwarten, was als Erstes einträfe. Das Gewitter, oder die Implosion des Robotermädchens. Beides wäre unangenehm.

Der Implosion zumindest entging ich, indem ich das kleine Stück Metallschrott vor die Tür brachte. Der Leichtbauweise sei Dank waren Schraubenmädels nicht viel schwerer als ihre menschlichen Pendants. Und bei weitem nicht so schwer wie die ersten Cyborgs, deren Endoskelette noch aus Krytanium bestanden, einem titanähnlichen Metall, das aus verschiedenen Marsgesteinen gewonnen und in komplizierten Verfahren zu einem extrem belastbaren Material verarbeitet wurde. Die hätte ich nicht so einfach wegschleifen können, denn mit einem Skelett aus Krytanium wogen diese Dinger rund eine halbe Tonne.

Ich legte sie in sicherer Entfernung auf das Feld und ging zurück ins Haus. Noch einmal überflogen meine Blicke die Leichen. Es waren drei, doch wo war der Vater?

Bis das Gewitter keine Gefahr mehr darstellte, konnte noch eine Weile vergehen, und so hatte ich genügend Zeit, mich in dem Haus noch weiter umzuschauen. Ich checkte den Vorratsraum. Nichts, außer ein paar Säcken mit Korn und Mehl, Dosen, deren Inhalt bis zum Ende des Sonnensystems haltbar war und ein Dutzend Kanister mit Trinkwasser.

Eine kleine Treppe führte hoch ins Schlafzimmer. Auch hier war nichts zu finden. Keine Spur vom vierten Familienmitglied, Lublin Benski. Hatte er vielleicht seine Familie auf dem Gewissen? Der Chip der Schraube könnte es verraten. Aber ich war nicht befugt, ihn zu sichten. Was Cybernetic Virgins damit anstellte, wusste ich nicht. Vielleicht stellten sie das Material dem Marsian Security Service zur Verfügung. Vielleicht wäre ihnen die Tat aber auch egal.

Ich beschloss, mich in einer Ecke niederzulassen und das Nachdenken einzustellen, bis sich das Gewitter verzogen hatte. Wenn die Porno-Jungs dieses Blutbad nicht meldeten, übernähme ich das. Wenigstens so viel konnte ich für diese armen Teufel hier noch tun.

 

 

Cydonia 2174- Maschinenseele

 

Langsam hasste ich meinen Job. Ich hasste ihn jeden Tag ein bisschen mehr.

„Miez, Miez, Miez. Na komm schon.“ Die Katze saß schätzungsweise vier Meter über mir in einem Baum. Glücklicherweise waren heute nicht allzu viele Spaziergänger im Great Taneega Park unterwegs, so hielt sich die Peinlichkeit dieser Situation auch in Grenzen. Arkansas Johnston lockte das Zielobjekt seines zweitägigen Traces von einem Baum herunter! Meinen mühsam erarbeiteten Ruf als der vielleicht kompetenteste Tracer des Mars` konnte ich in die Tonne treten.

Die Roboterkatze blickte mich aus ihren großen Augen an, das künstlich gezüchtete rotbraune Fell glänzte durch die Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Dachkuppel der Stadt bahnten.

„Miauuuuuh…“ Es klang wie ein Lachen. Jetzt machte sich das Biest auch noch über mich lustig.

„Du kommst jetzt auf der Stelle da runter, oder…“ Ja, oder was? Hinaufklettern kam nicht in Frage, dafür war der Stamm zu glatt. Sollte ich es vom Baum runterschießen? Ich war versucht, aber dann konnte ich meine Fangprämie wohl vergessen. Ganz zu schweigen von der Schadensersatzforderung der Besitzerin, die dann unweigerlich aufkäme.

„Miauhuhuhuhu…“ Jetzt sah das Viech aus, als lächelte es mich an. Die kleinen Schnurrhaare zitterten und kleine Eckzähne blitzten auf.

„Schön, ich zähle jetzt bis drei, und wenn du dann nicht unten bist, knall ich dich ab!“ Ich zog meine Sixton aus dem Holster. Ein Schuss daraus, und den Haustierroboter würde es in seine Einzelteile zerlegen. Leider konnte man die Stärke einer Projektilwaffe nicht einstellen, sowie es bei Laserkanonen oder Mikrowellenwaffen der Fall war. Meine Sixton spuckte ihr Blei aus und alles, was sich der Kugel in den Weg stellte, wurde gnadenlos auseinandergerissen.

Ich hielt die Waffe in die Höhe, damit dieses Katzenviech sie auch sehen konnte. Künstliche Intelligenzen durften einem neuen Gesetz zufolge nicht intelligenter sein als ihre biologischen Pendants. Ob die Katze wohl schnallte was ihr blühte, käme sie nicht von diesem verdammten Baum runter?

„Miau?“ Ich legte den Finger auf den Abzug. Die Waffe klickte und wurde automatisch geladen.

„Siehst du das, ja?“

„Miauuuuuuuh.“ Anscheinend sah sie es. Gut.

„Kommst du jetzt da runter?“

„Miau, Miau.“ Langsam langte es echt. Ich drehte mich rum. In kurzer Entfernung stand ein dunkler Einsatzwagen des MSS. In dem halbrunden Ei mit rundum getönten Scheiben saß mein persönlicher Bodyguard und machte sich vermutlich gerade vor lauter Lachen in den Salina-Anzug. Seit ich Bekanntschaft mit der hiesigen Terrorzelle des Mars` gemacht hatte -einer Bande, die sich Sturmtrupp Blau nannte- und mich dessen Anführer Vitali Asharow letzten Endes mit einer Bombe aus dem Weg räumen wollte, hatte ich immer einen gesonderten Bewacher des Marsian Security Service in meiner Nähe. Mein im Hintergrund agierender Personenschützer diese Woche war Agent Wladiwostok Bronkov, ein zwei Meter großer Hüne mit einem Kreuz, hinter dem ich mich lang hätte verstecken können. Obwohl der Kerl ausschaute, als äße er ganze Raumkreuzer zum Frühstück, hatte er Sinn für köstlich trockenen Humor. Im Gegensatz zu einigen anderen Agenten, die auf klein Arkansas aufpassten, war Wladi sehr umgänglich. Ich hatte ihn einmal sogar dazu überredet, mich in seiner höchstheiligen Freizeit ins Foxy Toxy zu begleiten, meiner Stammkneipe am Bellemont. Am Ende dieses Abends war ich sturzbetrunken, während Bronkov, der genauso viel intus hatte wie ich, vollkommen nüchtern war.

Ich fokussierte wieder die verdammte Katze. Ich hatte in meiner Karriere schon so manches gesucht und gejagt. Untreue Ehemänner oder Ehefrauen, Vergewaltiger, entflohene Nutten-Roboter und Terroristen. Jetzt konnte ich mir also noch ein Abzeichen auf den Mantel sticken: Heldenhafter KI-Haustier-Jäger. Im Grunde konnte ich ja froh sein, überhaupt noch für den MSS tätig sein zu dürfen, und somit regelmäßige Gehaltszahlungen zu empfangen. Denn eigentlich war meine Anstellung durch den ehemaligen MSS-Agenten Washington Dawson nicht autorisiert und somit illegal gewesen. Ich hatte für ihn seine Tochter finden sollen, die sich, und das hatte ich leider erst im Nachhinein erfahren, den Terroristen von Sturmtrupp Blau angeschlossen hatte. Um sie vor der Verfolgung durch den militärischen Geheimdienst MDA zu schützen, hatte Washington mich inoffiziell mit der Suche nach seiner Tochter beauftragt. Ein Trace, der völlig in die Hose gegangen war und an dessen Ende zwei tote Agenten standen. Ich hatte seine Tochter bis heute nicht finden können, die ganze Sache flog auf und Washington wurde suspendiert. Dennoch befand man meine Arbeit beim MSS für gut, und so wurde ich nochmals angestellt. Diesmal offiziell. Wenn ich gewusst hätte, dass ich ab sofort verschwundene Haustiere suchen sollte, hätte ich es mir dreimal überlegt.

„Sie wollen das arme Tier doch nicht etwa erschießen, oder Arkansas?“ Ich drehte mich zu der Stimme um. London Brown kam mit zwei Bechern Kaffee um die Ecke. Ich hatte ihn ins nächste Marsian Super Coffee geschickt und gehofft, dass er erst wiederkäme, wenn ich dieses verdammte Roboter-Viech aus den Ästen geballert hatte.

„Das ist kein armes Tier“, sagte ich. „Das ist eine Ansammlung von Schrauben und Muttern mit einem Fellüberzug.“ London schaute mich schief an. Der Agent war mein Partner, seit ich offiziell im Dienste des MSS suchen durfte. Zwar war er, anders als meine frühere Partnerin Sydney, ein Mensch aus Fleisch und Blut, und als ich noch mit Sydney ermittelte, hätte ich mir einen solchen Partner gewünscht. Doch je länger ich mit diesem Kerl zusammen durch Cydonia City streifen musste, umso mehr vermisste ich das zarte künstliche Gesicht meiner ehemaligen Partnerin. Zugegeben war es nicht immer leicht zwischen Sydney und mir gewesen. Ich mochte menschliche KIs nicht besonders, aber Sydney war mehr als eine dieser menschelnden Blechdosen. Sie hatte mir einst das Leben gerettet, in dem sich mich halb verblutet aus einer stillgelegten Fabrik gerettet hatte. Leider sah das Protokoll des Sicherheitsdienstes nicht vor, einer Agentin für Cyberkriminalität weiterhin einen Tracer wie mich zur Seite zu stellen. Unsere Zusammenarbeit war einst zweckmäßig gewesen, aber im Laufe der kurzen Zeit, in der wir zusammen unterwegs gewesen waren, wurde diese Zweckgemeinschaft tatsächlich zu einer guten Partnerschaft.

„Für die Besitzerin ist es ein Tier, Mr. Arkansas. Und so sollten wir es auch behandeln. Stecken Sie ihre Waffe wieder ein.“ Himmel hilf! Konnte mich mal einer erschießen? Oder wenigstens versuchen, mich nochmal in die Luft zu jagen?

„Dann sehen Sie zu, dass dieses Mistviech vom Baum runterkommt!“, knurrte ich.

„Sind Sie wirklich so scharf auf die Fangprämie?“

„Ich scheiß auf die Fangprämie. Ich will nur diesen Auftrag abschließen. Mehr nicht.“ Ich hätte diese Katze auch einfach laufen lassen können. Ich brauchte keine gesonderte Fangprämie mehr. Mein festes MSS-Gehalt reichte mir voll und ganz, schließlich hatte ich mein halbes Leben mit weitaus weniger Krediten auskommen müssen.

„Na, dann holen Sie sie da runter und die Sache ist geritzt.“ Ich seufzte. Und irgendwie überkam mich dabei eine Erkenntnis.

„Moment mal. Ich bin doch Tracer, oder London?“ Der Agent schaute irritiert, nickte dann aber.

„Ja…und?“

„Meine Aufgabe beim MSS ist es, Personen zu lokalisieren.“ Ich schielte zur Katze hoch. Sie hatte sich inzwischen auf dem dicken Ast zusammengerollt und sah jetzt aus wie ein pelziger Football. „Oder andere Dinge, die gefunden werden sollen. Ist das korrekt, Agent London?“ Er nickte erneut. Ich grinste und klatschte einmal in die Hände.

„Ja, und ich habe das Objekt lokalisiert. Für alles andere sind Sie als Agent zuständig. Fall gelöst. Wenn sie mich suchen, ich bin im Foxy.“

„Nein, so läuft das nicht, Arkansas.“

„Doch, so läuft das. Ich habe nämlich langsam die Schnauze voll davon, dass ein gewisser First Agent Catanzano mir jeden Tag einen zusätzlichen Babysitter vorbeischickt und mich entlaufene Katzenroboter oder sturzbesoffene Bald-Ehemänner suchen lässt, die einfach nur bei ihrem Junggesellenabschied in der Bar versackt sind. Ich weiß ja nicht, ob es einer von euch mitbekommen hat, aber für solche Kindergartenspiele habt ihr genügend andere Tracer beim MSS. Schickt die doch an meiner Stelle, für die ist so ein Micky Maus-Bullshit bestimmt eine echte Herausforderung. Aber für mich nicht!“ So. Das musste ich jetzt mal loswerden. Und ich hatte es nicht einmal sarkastisch gesagt oder gar übertrieben. Es war die bittere Realität. First Agent Catanzano, der oberste Chef des Marsian Security Service, hatte meine Einstellung zwar nachträglich legalisiert, war aber der Meinung, dass ich nach meinen ach so traumatischen Erlebnissen mit den Terroristen von Sturmtrupp Blau noch nicht zu hundert Prozent einsatzfähig war und mich erst einmal leichten Aufgaben widmen sollte. Dass ich mir bei diesen leichten Aufgaben vorkam wie ein Vollidiot, der gerade eben erst seine Tracer-Legitimation abgeholt hatte, war ihm vollkommen egal. Gut, man hatte auf mich geschossen und anschließend versucht, mich in die Luft zu jagen. Aber ich war Soldat im Ressourcen-Krieg auf Terra gewesen. Dieser Krieg hatte mehr Todesopfer gefordert als beide vorangegangen Weltkriege zusammen. Gegen diese sechs Jahre, in denen ich öfters hätte sterben können als es Sterne am marsianischen Firmament gab, waren meine Erlebnisse mit den Sturmtrupplern ein Kindergeburtstag.

„Und wieso sagen Sie ihm das nicht selbst?“

„Das werde ich!“ Und danach feuerte er mich wahrscheinlich. Catanzano war kein sehr umgänglicher Typ. Und das war noch freundlich ausgedrückt. In meinem ganzen Leben hatte ich noch keinen Menschen kennengelernt, der so cholerisch war wie Catanzano Grimaldi. Wenn es auch nichts auf der verdammten Welt gab, dass mir wichtiger war als ein regelmäßig gedecktes Konto, aber für einen heftigen Tritt in den Hintern des First Agents hätte ich sogar darauf verzichtet. Es gab viele Agenten des MSS, die mir tierisch auf die Nerven gingen, Catanzano war aber definitiv der König der Nervensägen. Und mein direkter Vorgesetzter. Und da ich mich schwerlich an zivile Gesetze halten konnte, obwohl ich nun für die Ordnungshüter arbeitete, stand ich bei ihm unter besonderer Beobachtung.

„Na, dann wünsche ich Ihnen viel Spaß dabei“, sagte London lachend. Doch sein Lachen verklang abrupt, als er seine Blicke auf den Baum richtete. „Aber zuerst holen Sie das Vieh das endlich runter! Ich will Feierabend machen.“ Ich neigte meinen Kopf zur Seite.

„Haben Sie etwa noch was vor? Kann ich gar nicht glauben.“ Vermutlich juckte es ihm wieder im Schritt und er musste schleunigst das nächstbeste Bordell aufsuchen. London war einer von Vielen, die ihren sexuellen Druck in einer künstlichen Nutte ablassen mussten. Für mich war das überhaupt nichts. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, „ihn“ in einer Vagina zu versenken, die in irgendeiner Fabrikhalle produziert worden war. Zugegeben, als ich noch mit Sydney unterwegs war, hatte sich mir öfters die Frage aufgedrängt, wie es denn wäre. Ein wohl völlig normaler Prozess im Gehirn eines Mannes, wenn man einer solchen Frau gegenüberstand. Schließlich war Sydney alles andere als hässlich. Und solange meine Augen eine Frau sahen und mein Hirn nicht verstehen wollte, dass sie eine KI war, wollte diese Frage auch nicht weichen. Aber in den kurzen Momenten, in denen ich die Realität sah, hatte ich mich jedes Mal in Gedanken dafür geohrfeigt, dass ich überhaupt darüber nachgedacht hatte.

„Was ich in meinem Feierabend mache, geht Sie einen Scheißdreck an!“ Da hatte er wohl Recht. Ich wollte es eigentlich auch gar nicht wissen.

„Sie wollen Feierabend machen? Dann holen Sie doch das Vieh da runter!“ Ha! Pech gehabt, Freundchen!

„Sie…ach!“ London rollte genervt mit den Augen. „Wissen Sie was, das ist mir jetzt langsam zu blöd. Machen Sie, was Sie wollen. Ich mache jetzt Feierabend.“ Das war eigentlich immer mein Spruch gewesen. Und das sollte er auch gefälligst bleiben.

„Wenn hier einer seinen Feierabend macht, dann bin ich das.“

„Na dann, bitte schön.“ Er zeigte mir seine Zähne und streckte seine Hand gen Ast. Die rotbraune Fellkugel hatte sich wieder erhoben und glotzte uns von seinem gehobenen Aussichtspunkt an. Ich seufzte, nahm den Roboter mit der Sixton ins Visier und drückte ab. Es donnerte und die Waffe spuckte ihr Blei unbarmherzig durch die Gegend. Vor den Augen des völlig perplexen Agenten fielen rauchende Fellteile und Plastiksplitter vom Baum.

„So. Fertig! Viel Spaß noch beim Aufräumen, Agent London.“

„Sind Sie…eigentlich wahnsinnig? Wissen Sie, was so eine KI kostet? Die Anwälte der Besitzerin werden uns in der Luft zerreißen!“ Ich zuckte die Achseln.

„Wir sagen einfach, es hat sich seiner Festsetzung entziehen wollen. Oder noch besser: Es ist von selbst explodiert. Manchmal kommt so was vor…“

„Klar, uns hat auch niemand dabei beobachtet“, sagte er sarkastisch. Ich sah mich demonstrativ um.

„Es ist niemand hier, die Sicherheitssysteme der Stadt springen nur bei Schüssen aus einer Energiewaffe an, und Wladi hält auch die Klappe.“ Hoffte ich zumindest. London atmete tief durch.

„Mit Ihnen hat man`s wirklich nicht leicht.“ Ich grinste breit.

„Ich weiß. Gehen wir jetzt einen trinken? Oder wollen Sie sich lieber anderweitig vergnügen?“ Der Agent schaute mich an und zischte abfällig.

„Ich vergnüge mich lieber anderweitig. Danke.“ Er vergrub seine Hände tief in den Taschen seines Salina-Anzuges und stapfte knurrend von dannen. Meine Blicke wanderten über den rauchenden Trümmerhaufen vor mir. Tier-KIs waren glücklicherweise nicht ganz so kompliziert konstruiert worden wie menschliche. In ihnen pumpte keine Energiezelle die implodierte, wenn die Kühlung zum Beispiel durch Zerstörung des Körpers den Geist aufgab. Diese Art der künstlichen Intelligenz wurde von stinknormalen Neutronenbatterien mit Energie versorgt. Da passierte nichts, wenn man sie in den Maschinenhimmel schickte. Dennoch waren diese Dinger alles andere als billig, da hatte London leider Recht. Und wenn er seinen Bericht so verfasste, wie er es immer tat, konnte ich mich auf ein Donnerwetter von Catanzano und anschließend auf eine Klage gefasst machen. London legte immer sehr viel Wert darauf, dass seine Berichte präzise waren und nicht einmal einen Hauch von irgendwelchen Unwahrheiten enthielten. Selbst wenn es ihm den Kopf gekostet hätte. Alle anderen Agenten des MSS bogen sich die Tatsachen ab und zu mal zurecht, und kein Hahn krähte danach. Selbst Sydney hatte öfters Details in ihren Berichten ausgelassen, weil es unserer Sache dienlich war und niemandem geschadet hatte. Und die war eine KI. London hingegen war abartig gewissenhaft in solchen Dingen. Genau der Typ also, den ich mir auf keinen Fall als Partner gewünscht hätte. Aber so war es leider nun mal.

Ich schob die Trümmerteile mit dem Fuß zusammen und bedeckte sie mit ein paar Ästen, dann machte ich mich ins Foxy Toxy auf.

 

 

 

 Cydonia 2174- Netha-Chrome

 

„Schwerer Ausnahmefehler! Versuche Reboot!“

 Meine Sinne kamen langsam zurück. Aber die Fehlermeldung meines Nano-Bosses war immer noch da. Und die Kopfschmerzen leider auch.

 Ich blinzelte. Ich lag auf dem Rücken und starrte in den Glaskuppelhimmel. Die Sirenen der Stadt dröhnten immer noch in meinen Ohren und vermischten sich mit einem ekelhaften dumpfen Rauschen, von dem ich nicht wusste, woher es kam.

 „Was um alles in der Welt ist hier los?“, keuchte ich und drehte meinen Kopf. Sydney kniete neben mir und schaute vollkommen desorientiert durch die Gegend.

 „Ich weiß es nicht“, stammelte sie. „Aber ich…ich bin offline.“

 Ich raffte mich auf, meine Blicke suchten Tijuana. Die Latina lag bewusstlos auf dem Boden vor den Toren einer…Haftanstalt? Was zum Teufel hatten wir hier denn verloren?

 „Was tun wir hier?“, fragte ich die KI neben mir. Diese schaute mich zwar an, hatte meine Frage aber anscheinend nicht ganz registriert.

 „Ich bin offline. Das kann gar nicht sein. Wie sieht es bei Ihnen aus?“ Ich versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, aber die ewigen Fehlermeldungen von BAS ließen das nicht zu. Ich versuchte die Meldungen abzustellen, aber es gelang nicht. BAS reagierte nicht mehr auf meine Befehle.

 „Kann ich nicht sagen“, murmelte ich und ging zu Tijuana herüber. Ich kniete mich neben sie und schüttelte die Latina sanft. „Hey! Corporal! Alles klar bei dir? Mach die Augen auf, Kleines!“ Ihre Augenlider flackerten. Sie kam zu sich.

 „Was…was ist los? Wo sind wir? Was ist passiert?“, stammelte sie und öffnete ihre Augen. Ihre Blicke irrten nun vollkommen ziellos durch die Gegend.

 „Keine Ahnung, aber anscheinend haben wir alle das gleiche Problem.“

 „Die Sirenen…“

 „Katastrophen-Alarm“, vermeldete Sydney. „Die Sirenen gehen dreimal kurz in einem Intervall von drei Sekunden und einmal lang mit einem Intervall von acht Sekunden. Ich kann mich nicht erinnern, wann in Cydonia City zuletzt Katastrophen-Alarm ausgerufen wurde.“

 „Ich glaube, das ist jetzt auch weniger wichtig“, knurrte ich die KI an. Diese schüttelte konsterniert den Kopf.

 „Sie verstehen nicht. Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe…Lücken in meinem Memospeicher. Das ist eigentlich völlig unmöglich. Mein Speicher kann nicht einfach so gelöscht werden.“ Ich hielt an mich und schaute mich um, während die Fehlernachrichten, die an meinem inneren Auge vorbeizogen, langsam anfingen, mir mächtig auf den Keks zu gehen.

 Aber auch ich konnte mich nicht daran erinnern, was wir hier getan hatten, bevor alles zusammengebrochen war. Was taten wir direkt vor einem Gefängnis? Ich wusste nicht einmal, um welches Gefängnis es sich handelte. Es lag auf einer Anhöhe, soviel konnte ich sagen, denn von hier hatte man einen guten Ausblick über die gesamte Stadt. Ich vermutete, dass es sich um Lambardsville handelte, einer privat geführten Haftanstalt etwas abseits der Stadt.

 Ich versuchte mich zurückzuerinnern. Nichts. Da war rein gar nichts.

 „Ich…kann mich auch nicht erinnern, Ark“, sagte Ti mit zitternder Stimme. Ich atmete tief durch und endlich erloschen BAS` Meldungen. Das Rauschen verschwand und es kehrte wieder Ruhe in meinen Kopf ein.

 „Okay, keine Panik“, versuchte ich meine Waffengefährtin zu beruhigen. „Was auch immer gerade passiert ist, ich bin mir sicher, dass es etwas mit unseren Aussetzern zu tun hat. Irgendwie haben die Fehlfunktionen unserer Nano-Bosse Auswirkungen auf unser Gedächtnis.“

 „Ich verfüge aber nicht über einen Nano-Boss“, erwiderte Sydney. „Es muss also eine andere Ursache haben. Vielleicht eine systemweite Fehlfunktion.“ Ich nickte langsam und zog meine Augenbrauen herunter.

 „Möglich. Wir müssen auf jeden Fall herausfinden, was passiert ist. BAS?“ Mein Boss piepte, als sei absolut nichts gewesen. „Verbinde mich bitte mit…“ Ich überlegte. Ja, mit wem sollte er mich verbinden?

„Das wird nicht funktionieren, Mr. Arkansas“, wandte die KI ein. „Ich bekomme keine Rückmeldung mehr vom Stream.“ Ich schaute sie verwundert an, da meldete sich Tijuana ebenfalls zu Wort.

 „Komisch, ich auch nicht. Scheint, als wäre ich offline. Wie ist das möglich?“ Ich schüttelte den Kopf und bat BAS, mich mit dem Marsian Security Service zu verbinden. Wenn einer wusste, was hier gerade passiert war, dann waren es die Bullen.

 „Keine Verbindung über den Stream möglich“, meldete sich BAS. Ich versuchte noch ein paar andere Funktionen, aber nichts, was über den Stream lief, funktionierte. Es war, als sei das gesamte Stream-System tatsächlich vollkommen zusammengebrochen. Aber das war überhaupt nicht möglich. Der Stream, dieses gigantische Netz, konnte nicht einfach so außer Betrieb sein.

 „Ich habe auch keine Verbindung“, murmelte ich und sah die beiden Frauen an. „Hat einer von euch eine Ahnung, was wir hier machen? Wieso stehen wir vor einem Gefängnis?“

 „Ich glaube, wir haben Sie gerade eben abgeholt, als die Systemfehler auftraten“, sagte Sydney. Ich runzelte die Stirn.

 „Abgeholt? Aus dem Knast? Was habe ich getan?“ Schweigen und Kopfschütteln.

 „Keine Ahnung“, antwortete die KI.

 „Und woher wollen Sie dann wissen, dass Sie mich abgeholt haben? Vielleicht habe ich ja auch einen von euch hier abgeholt. Ich wüsste nicht, wieso ich in den Bau gegangen sein sollte. Soweit ich mich erinnern kann, bin ich Tracer und kein Krimineller.“

 „Aber wir sollen Kriminelle sein, oder was?“, knurrte Tijuana. Ich zuckte die Achseln.

 „Na ja, Sydney vielleicht weniger. Die ist schließlich…“ Ich überlegte kurz. Es war vollkommen verwirrend. Ich wusste nicht einmal mehr, für wen Sydney arbeitete. Ich konnte mich daran erinnern, dass sie Agentin war. Aber Agent war ein weitläufiger Begriff in Cydonia City. Von Bulle über Geheimagent bis hin zum Agenten für Agrar- Bestimmungen konnte sie so gut wie alles sein.

 Ich fuchtelte mit einer Hand in der Luft herum. „Helfen Sie mir mal bitte, ja?“

 „Agentin der Abteilung Cyberkriminalität“, vervollständigte Sydney meinen angefangenen Satz. „Marsian Security Service.“

 Ja genau, Stream-Bulle!“, zischte ich. „Dann haben Sie ja wohl eher einen von uns hierhergebracht.“

 „Einen von uns?“, brach es aus Ti heraus. „Also mich hat sie bestimmt nicht hierhergebracht. Wenn hier einer ewig Scheiße baut, dann bist das doch wohl du!“ Ich riss meine Augen auf.

 „Woher willst du das wissen? Mh?“

 „Ich…“ Die Latina zögerte. Ich grinste selbstgefällig.

 „Siehst du? Du weißt es nicht. Du weißt gar nichts. Genauso wie ich.“

 „Partielle, retrograde Amnesie“, mischte sich Sydney ein. „Ein vorübergehender Verlust einiger Erinnerungen, hervorgerufen durch ein bestimmtes Ereignis. Wir wissen nur teilweise, wer oder was wir sind und was wir hier wollten. Spekulationen bringen uns in diesem Fall nicht sonderlich weiter. Ich werde versuchen, meinen Gedächtnisspeicher zu reorganisieren. Vielleicht verschafft uns das Klarheit.“

 „Machen Sie das“, stimmte ich ihr zu. „Ich versuche inzwischen weiterhin, irgendjemanden zu erreichen.“

 „Gut“, stimmte Sydney zu und hielt kurz inne, um mich seltsam anzustarren.

 „Ist noch irgendwas?“, fragte ich sie.

 „Sie sollten mich nicht als Stream-Bulle bezeichnen, Mr. Arkansas. Schließlich arbeiten Sie ebenfalls für uns.“ Ich stockte und riss meine Augen.

 „Ich arbeite für…“ Jetzt fiel es mir ein. Ich war tatsächlich ein MSS-Tracer. Ich war zwar noch nicht sehr lange für die Security-Jungs tätig, aber ich stand in ihrem Sold. Wie konnte ich vergessen, für wen ich arbeitete?

 Ich grinste die Agentin verlegen an. „Ähm, ja, tut mir leid. Das wusste ich natürlich.“

 „Klar“, zischte Ti sarkastisch. Ich schaute sie an.

 „Also kann ich gar nicht im Knast gewesen sein. Ich bin nämlich auch bei den Bullen“, sagte ich und klang wie ein kleiner Junge, der das Mädchen der Nachbarin ärgerte. Am liebsten hätte ich ihr noch die Zunge herausgestreckt und Ätsch gesagt, aber das wäre wohl zu viel des Guten gewesen.

Tijuana runzelte die Stirn. „Tse.“

 Ich schmunzelte und ging dann jeden einzelnen Namen in meiner Kontaktliste durch, erreichte jedoch niemanden. Sämtliche Übertragungsdienste waren offline. Langsam wurde es beängstigend. Nichts funktionierte mehr. Keine ungebetenen Pop-Ups tauchten auf, keinerlei Statusmeldungen der Stream-Nachrichtendienste flackerten mehr über meine Netzhaut. Mediale Stille auf allen Kanälen.

 „Interne Reorganisation läuft“, vermeldete Sydney. Ihre Augen zuckten aufgeregt hin und her, ihr künstliches Gehirn arbeitete anscheinend auf Hochtouren. Ich wünschte, mein Nano-Boss könnte sich auch reorganisieren, aber BAS machte keine Anstalten, irgendetwas zu reorganisieren. Nicht einmal, als ich ihm eine Selbstdiagnose befahl. Ihm schien alles so zu gefallen, wie es war. Nur, dass meine Erinnerungen immer noch große Lücken aufwiesen. Und nicht nur Informationen, die mein menschliches Gehirn abgelegt hatte, fehlten. Der Speicher meines Nano-Bosses war inzwischen nur noch zu acht Prozent belegt, so viel verriet mir meine körpereigene KI dann doch noch. Ich wusste aber, dass er bis vor kurzem noch zu dreißig Prozent belegt war. Dreißig Prozent, das bedeutete, dass riesige Speicherblöcke fehlten. Unmengen an Daten und Informationen, die ich aus meinem menschlichen Gehirn in den Nano-Boss ausgelagert hatte, um sie auf keinen Fall zu vergessen.

 Wieso ich wusste, dass Daten des Bosses fehlten, konnte ich zunächst nicht sagen. Doch dann kam eine Erinnerung zurück. Eine Erinnerung, die mir absolut nicht gefiel.

 „Ich…war wirklich im Gefängnis“, sagte ich leise und schaute Tijuana an. „Ich kann mich wieder erinnern. Mir war eine Kontaktsperre auferlegt worden. Ich durfte keinerlei Nachrichten nach draußen versenden, also blockierten sie mich. Als ich durch diese Tore ging, wurde mein Kommunikationsparameter wieder eingestellt und auf die Stream-Signale abgestimmt.“ Daher wusste ich also, wie viel Speicherkapazität BAS zuvor noch frei hatte. Weil es mir bei dieser Einstellungsprozedur angezeigt worden war. Und diese lag noch nicht allzu lang zurück.

 „Weißt du auch, warum?“, wollte die Latina wissen. Ich schüttelte den Kopf.

 „Nein. Aber vielleicht weiß unsere Agenten-KI bald mehr.“ Ich sah Sydney an, die just in dieser Sekunde mit ihrer Reorganisation fertig wurde.

 „Daten werden wieder hergestellt“, sagte sie kühl. „Bitte warten.“

„Wie lange wird das noch dauern“, drängte Tijuana ungeduldig. „Ich werde langsam wahnsinnig. Ich habe das Gefühl, mein halbes Leben vergessen zu haben. Ich kann mich zwar an meine Einschulung erinnern, könnte aber nicht sagen, was ich gestern gegessen habe.“ Ich fuhr mit einer Hand durch mein Gesicht und bemerkte, dass es mir ganz ähnlich ging. Die vergangenen sechs Monate lagen nur noch in Bruchstücken vor mir. Die Zeit im Gefängnis oder was zu meinem Aufenthalt dort geführt hatte waren zum Beispiel Dinge, die einfach weg waren. Und doch schwirrten immer noch Erinnerungen an Gerüche oder markante, visuelle Eindrücke durch mein Gehirn, die ich jetzt da ich wusste, dass ich tatsächlich gesessen hatte, auch mit Knast assoziieren konnte.

 Sydney schaute zunächst mich an, dann Tijuana.

 „Schätzungsweise zwei Stunden.“

 „Was?“, japste die Latina. „Zwei Stunden? Ich werde mich noch zwei weitere Stunden an kaum etwas erinnern?“

 „Ja. Und selbst wenn sich mein Memospeicher vollständig reorganisiert hat, ist das noch keine Garantie dafür, dass ich Ihnen alle nötigen Informationen geben kann. Ich kann Ihnen schließlich nicht jede Erinnerung an ihr Leben wiedergeben.“

 „Wenn ich den Scheißkerl erwische, der für diesen Mist hier verantwortlich ist…!“

 „Wir wissen nicht, was genau passiert ist und ob es überhaupt einen Verantwortlichen dafür gibt“, erwiderte Sydney.

 „Es gibt immer einen Verantwortlichen“, schnaubte Ti. „Sei es ein Stream-Wartungstechniker, der das falsche Programm gelöscht hat oder ein Hacker, der die richtige Firewall geknackt hat. Irgendjemand trägt die Schuld daran, da bin ich mir sicher. Also kriegt dafür auch irgendjemand eins auf die Fresse!“

 „Vielleicht war es einfach nur Zufall. Mal daran gedacht, dass Unfälle einfach so passieren können?“, warf ich ein und sah Tijuana an.

 „Verdirb mir nicht die Vorfreude auf eine gepflegte Schlägerei, Ark! Ich bin gerade richtig schön in Stimmung.“

 „Ich bezweifele stark, dass ein Unfall zu diesen Problemen geführt hat, Mr. Arkansas“, sagte Sydney. „Um den Stream vollkommen lahmzulegen, müssten mehrere dutzend Sicherheitsprogramme versagen.“ Ich schaute sie fragend an.

 „Sie denken an einen Angriff? Eine Art Terroranschlag?“ Die KI zuckte mit den Achseln.

 „Durchaus denkbar.“

 „Ist mir scheißegal, was es war oder wer es verursacht hat“, knurrte Ti. „Ich…muss meine Freundin finden.“

 Sie stockte, als fiele es ihr gerade wie Schuppen von den Augen, dass sie eine Freundin hatte. Eine Freundin, die vielleicht sogar in Schwierigkeiten war. Wir wussten schließlich nicht, was passiert war und ob es eine Gefahr darstellte. „Gott verflucht! Ich weiß, dass ich eine Freundin habe, aber ich habe vollkommen vergessen, wie sie heißt. Das macht mich krank!“ Die Latina fuhr mit beiden Händen durch ihre schwarze Haarpracht, als wolle sie jedes Haar einzeln herausreißen.

 „Ganz ruhig, Kleines. Weißt du, wo sie wohnt oder arbeitet?“ Ti überlegte kurz. Dann hellte sich ihre Miene ein wenig auf.

 „Sie arbeitet als Forensikerin im Fellowship. Jetzt weiß ich`s wieder! Sie heißt Arizona. Arizona Henderson.“ Instinktiv bat ich BAS, eine Karte der Stadt zu öffnen, um herauszufinden, wo wir waren und wie wir am schnellsten dorthin gelangen könnten. Doch der Nano-Boss verweigerte auch diesen Dienst.

 „Funktioniert dein Navigationssystem, Corporal?“ Die Latina schüttelte den Kopf.

 „Nein. Bei mir funktioniert überhaupt nichts mehr.“ Ich schaute die KI an.

 „Okay, ähm…Sydney? Haben Sie eine Ahnung, wo das Fellowship von hier aus liegt?“

 „Nein, tut mir leid. In meinem Memospeicher ist zwar eine Karte der Stadt abgelegt, aber solange die Daten wieder  hergestellt werden, kann ich darauf nicht zugreifen.“ Ich seufzte laut.

 „Wie hat man eigentlich früher den Weg gefunden? Ohne Nano-Boss?“

 „Landkarten“, gab die KI zurück. „Das waren geographische Karten, die auf Papier gedruckt wurden.“

 „Früher hat man allen möglichen Scheiß auf Papier gedruckt“, murrte Tijuana. „Eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen, wenn ihr mich fragt. Aber jetzt haben wir weder Landkarten noch ein Navigationssystem, auf das wir zurückgreifen können.“

 „Dann müssen wir wohl auf die ganz altmodische Art vorgehen und suchen“, konstatierte ich genervt.

 „Wir sollten das Office for Security and Protection aufsuchen“, warf Sydney ein. Tijuanas und meine Blicke trafen die KI.

 „Wir gehen zum Fellowship!“, knurrte die Latina. „Ich muss wissen, ob bei Arizona alles in Ordnung ist.“ Die KI zuckte mit den Schultern.

 „Wir wissen immer noch nicht, was gerade passiert ist. Vielleicht wurden wir tatsächlich angegriffen. Daher wäre der Weg zum Office die logischere Vorgehens,- und Verhaltensweise.“

 „Wenn es ein Angriff war, dann haben die Bullen ohnehin nichts mehr zu melden“, erwiderte ich scharf. „Dann sollten Ti und ich zu unseren Einheiten gehen, denn dann befänden wir uns ab sofort im Krieg!“ Die starren Blicke der beiden Frauen trafen mich wie Gewehrkugeln.

 „Aber ohne Mobilmachungsbefehl…“, begann Tijuana, aber ich winkte ab.

 „Die Befehle kommen nicht durch, Corporal. Schon vergessen?“ Die Latina schaute geschockt zu Boden.

 „Ich…ich muss Arizona suchen, Ark. Ich muss wissen, ob es ihr gut geht.“ Ich kniff die Lippen aufeinander und nickte.

 „Okay, wir suchen sie. Vielleicht erfahren wir auf dem Weg dorthin, was geschehen ist. Sydney? Kommen Sie mit uns?“ Die KI musterte mich, als sei ich ein seltenes Insekt.

 „Ich weiß, ich sollte ins Office zurückkehren, aber…“ Sie stockte.

 „Aber was?“

 „Aber wenn es tatsächlich ein Angriff auf Cydonia City gegeben hat, ist die Gefahr, sich in der Stadt aufzuhalten, nicht absehbar. Tijuana ist nicht bewaffnet, wir beide schon.“ Sie zeigte auf das Holster unter meinem Mantel. Erst jetzt registrierte ich, dass ich meine Sixton bei mir trug. Diese Waffe war für mich wie ein zusätzlicher Körperteil, und ich bemerkte meist gar nicht mehr, dass sie da war. Wenn ich sie mal nicht trug, fühlte ich mich nackt. Aber sie war da, ich spürte das gewohnte und beruhigende Gewicht im Holster. Ein Glück.

 „Ich passe auf sie auf“, sagte ich. Die KI neigte den Kopf zur Seite.

 „Aber zwei Kanonen sind besser als eine“, gab sie trocken zurück. Und damit hatte sie wohl Recht. „Und außerdem…habe ich momentan überhaupt keine Ahnung, wo sich das Office befindet.“ Ich musste schmunzeln als ich in ihr Gesicht schaute. Die Erinnerungslücken machten der KI anscheinend noch mehr zu schaffen als mir. Das war aber auch nur allzu logisch. Eine KI wie Sydney war daran gewöhnt, jede nur erdenkliche Information, die sie in ihrem Leben gesammelt hatte, sofort abrufen zu können. Und nun war ein Großteil davon verschwunden, wie bei einem Filmriss nach einer durchzechten Nacht. Ich kannte mich mit solchen Filmrissen aus, ich hatte schon oft welche erlebt. Obwohl man das, was wir gerade durchmachten, wohl nicht mehr als Filmriss bezeichnen konnte. Es war der totale Blackout. Für die KI schien das eine Erfahrung zu sein, mit der sie absolut nicht umzugehen vermochte.

 „Haben Sie…na ja, eine Art Kampfmodus?“, fragte ich Sydney.

 „Ich bin mit multiplen Taktiken und Kampfmethoden programmiert worden, Mr. Arkansas. Einen separaten Kampfmodus gibt es nicht, ich bin schließlich kein Kriegscyborg. Aber ich kann mich verteidigen, wenn es notwendig wird.“

 „Gut, denn vielleicht werden Sie das müssen. Also, gehen wir?“

 „Wir wissen immer noch nicht, in welche Richtung das Fellowship liegt“, entgegnete Tijuana. Meine Blicke schweiften durch das Tal vor uns. Die gigantischen Glastürme der Stadt streckten sich wie Stalagmiten gen Glaskuppel. Von der Fläche her war Cydonia City nicht groß, aber ohne Führung durch ein Navigationssystem war es dennoch ziemlich schwierig, sich in den Straßenschluchten zurechtzufinden. Aber verdammt noch mal, es musste doch ohne die Hilfe der Technik möglich sein, ein Krankenhaus zu finden?

 „Wir gehen einfach in diese Richtung“, sagte ich und zeigte in Richtung Tal. „Irgendwie finden wir dieses verfluchte Krankenhaus schon!“

 

 Etwas weiter bergab gab es eine Tubie-Haltestelle, aber dort war kein einziger Tubie zu sehen, also folgten wir der Strecke bis zu einer Gabelung. Dort hielten wir das erste Mal inne. Kein einziger Tubie fuhr mehr, alles stand still. Das war gespenstisch, zumal es auch nirgendwo mehr Menschen gab. Die Kanzeln der Gefährte standen sperrangelweit offen, die Fahrgäste waren anscheinend zu Fuß weiter.

 Etwas raschelte in einem Gebüsch neben uns. Sydney und ich griffen zu unseren Waffen, als ein grauhaariger Mann aus dem Gestrüpp sprang und wie wild mit den Armen in der Luft herumfuchtelte.

 „Sie kommen! Die Terraner kommen! Wir sind verloren!“, schrie er panisch. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Klamotten vollkommen verdreckt. Sydney wollte ihn gerade beruhigen, da stieß er sie zur Seite und verschwand schreiend in Richtung Innenstadt.

 „Das ist echt gruselig“, murmelte Ti, als unsere Blicke dem Mann nachfolgten.

 „Einige Menschen reagieren vollkommen irrational auf Stresssituationen“, konstatierte Sydney trocken. „Ich befürchte, dass es unter den drei Millionen Einwohnern der Stadt eine Menge Menschen gibt, die ebenso auf die Geschehnisse reagieren. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Es könnte zu einer Massenpanik gekommen sein. Oder zu gewalttätigen Unruhen.“

 Ich schluckte schwer. Eine Massenpanik in einer überdeckelten, vollkommen überbevölkerten Stadt könnte in einer Katastrophe enden.

 Ich schaute Tijuana an. Sydneys Befürchtungen trugen nicht gerade dazu bei, dass die Sorgen der Latina um ihre Freundin weniger wurden.

 Je weiter wir uns der Innenstadt näherten, desto mehr Menschen trafen wir, die völlig konsterniert durch die Gegend liefen. Einige waren panisch, andere verwirrt. Viele hatten sich mit irgendwelchen Gegenständen bewaffnet, die sie gerade zur Hand hatten. Stöcke, Metallstangen, Äxte aus Feuerlöschstationen. Sydney und ich zogen die Waffen aus unseren Holstern, aber keiner von ihnen griff uns an. Sie liefen einfach an uns vorbei, als existierten wir gar nicht.

 Tijuana schaute sich ängstlich um. Die unübersichtliche Lage und die Tatsache, dass sie keine Waffe dabei hatte, zehrten sichtlich an ihren Nerven. Ich konnte es ihr nachfühlen. Ich war heilfroh über die schwere Waffe in meiner Hand, wenngleich ich mir nun vorkam wie der letzte Arsch. Ich hatte eine Waffe, die Frau an meiner Seite nicht.

 „Hier“, sagte ich und hielt Tijuana die Sixton unter die Nase. „Nimm sie.“ Die Latina schaute mich erschrocken an.

 „Du willst, dass ich deine Waffe nehme?“, fragte sie verdutzt. Ein Duster gab niemals seine Waffe ab. Diesen Leitsatz kannte auch Ti. Aber ich erinnerte mich daran, die Sixton schon öfters in einer brenzligen Situation aus der Hand gegeben zu haben. An das Wann und Wieso konnte ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich wusste, dass ich keine andere Wahl gehabt hatte. Und nun hatte ich auch keine andere Wahl. Ich konnte Tijuana nicht unbewaffnet lassen. Ich hatte meinen kugelsicheren Mantel und meinen frisierten, kybernetischen Arm, auf die ich mich im Notfall verlassen konnte. Tijuana hingegen trug Zivilklamotten, die ihr keinerlei Schutz boten.

 „Nimm sie schon, bevor ich es mir anders überlege!“, knurrte ich. Tijuana nahm die Waffe so vorsichtig an sich, als sei sie eine giftige Schlange.

 „Danke, Sergeant“, sagte sie leise und checkte ganz instinktiv das Magazin.

 Nach ein paar weiteren Minuten Fußmarsch reckten sich schon die Glastürme der Stadt direkt vor uns in die Höhe. Von den Menschenmassen, die sonst immer vollkommen geordnet durch die Straßenschluchten wanderten, war nicht mehr viel übrig. Die wenigen Passanten, die noch auf der Straße waren, irrten vollkommen ziellos umher, riefen um Hilfe, schrien und weinten. Zahlreiche Fensterscheiben waren eingeworfen, Plünderer machten sich daran, die Geschäfte auszuräumen. Schüsse hallten durch die Gassen, Sirenen von entfernten Einsatzfahrzeugen dröhnten in weiter Ferne. Ich hielt nach Einsatzagenten Ausschau, fand aber keinen einzigen.

 „Bemerkenswert, wie schnell die Grundordnung zugrunde gehen kann“, bemerkte Sydney mit Blick auf das Chaos vor uns. Ich für meinen Teil fand es alles andere als bemerkenswert. Ich fand es erschreckend. Ich wusste nicht genau, wie lange der Stream schon inaktiv war, aber übermäßig lange konnte es noch nicht sein. Die Stadt hatte sich also binnen kürzester Zeit in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem jeder tat, was ihm gerade in den Sinn kam. 

 Neben uns trat eine Gruppe junger Leute aus einer Seitengasse und schlich mit starren Blicken an uns vorbei, während Tijuana und Sydney sie mit den Läufen ihrer Waffen verfolgten. Einen von ihnen hielt ich fest und fragte, ob einer von ihnen wüsste, was passiert sei. Aber ich bekam weder eine Antwort noch irgendeine Reaktion. Der Junge riss sich einfach los und ging weiter.

 „Scheiße Sergeant“, fluchte Tijuana, als die Gruppe, ohne uns beachtet zu haben, einfach weiterzog. „Das hier ist wie in Zombie Apocalypse. Nur das ich keine Kettensäge zur Hand habe.“

 Ich schaute sie an und zuckte die Achseln. Von diesen pubertären HoloVend-Spielen hatte ich keine Ahnung und wollte auch keine Ahnung haben. Die Realität war meistens schon blutig genug. Da musste ich mich nicht noch in eine Pixelwelt aus gebündeltem Licht stürzen, um Zombies abzumurksen. Andererseits war das Chaos um uns herum so surreal, dass es auch gut und gerne ein Holo-Programm hätte sein können. War es aber nicht.

 „Hier gibt es bestimmt Läden, in denen du dir eine klauen könntest“, lächelte ich. Tijuana lächelte zurück und schon hatte sich ihre Miene wieder etwas aufgeheitert.

 „Ich hoffe doch nicht, dass Sie sich den Plünderern anschließen wollen, Arkansas“, mischte sich Sydney ein. Ich sah sie an. Ihre wachsamen Blicke verfolgten gerade eine Gruppe von Männern, die schwarze Kisten aus einem Geschäft schleppte. Ihre Waffe hielt sie dabei fest umklammert.

 „Sydney!“ Keine Reaktion. Ich schnippte vor ihrer Nase mit den Fingern und endlich schaute sie mich an. „Ich weiß, dass Sie am liebsten ihren Bullen-Trieben nachgehen und diese Bande verhaften würden. Aber ich glaube, wir haben andere Probleme. Außerdem sind Sie kein Straßen-Cop.“

 „Ich bin Agentin des MSS. Ich bin für die Sicherheit der Bevölkerung zuständig. Egal, für welche Abteilung ich arbeite.“ Ich seufzte.

 „Wenn es Ihnen gegen den Strich geht, uns zu begleiten, und Sie lieber den einsamen Helden spielen wollen, dann…“

 „Nein, schon in Ordnung. Sie haben Recht. Ich bin alleine und kann mich nicht auf Verstärkung verlassen. Es wäre töricht, diese Straftaten intervenieren zu wollen.“ Eine kurze Weile blieben unsere Blicke aneinander haften. Ich spürte, dass uns etwas verbunden hatte, bevor wir unser Gedächtnis verloren hatten. Erinnerungsfetzen kamen zurück. Gefühle, die so wirr waren, dass ich ihnen keine Bedeutung zuordnen konnte.

 Ich wandte die Blicke von der KI ab und kniff die Augen zu, um meine Sinne wieder dahin zu lenken, wo sie hingehörten. Wir waren von amoklaufenden, verängstigten und verwirrten Menschen umgeben. Und fast jeder von ihnen war mit irgendetwas bewaffnet. Wir mussten äußerst vorsichtig und vor allem wachsam sein.

 Plötzlich blieb Sydney unvermittelt stehen und starrte auf ein unscheinbares Gebäude.

 „Ich bin schon einmal hier gewesen“, sagte sie leise und legte ihre Stirn in Falten.“ Ich gesellte mich neben sie und sah mir nun ebenfalls den unscheinbaren Klotz an, dessen Eingang in einer kleinen Seitenstraße lag. Wenn ich mich hier in der Gegend umschaute, bekam ich ebenfalls das Gefühl, schon einmal hier gestanden zu haben.

 „Vielleicht sind wir schon tausend Mal hier vorbeigegangen“, knurrte Tijuana kopfschüttelnd. „Können wir jetzt weiter?“ Ich hob eine Hand und mahnte sie zur Ruhe. Ich musste nachdenken. Erinnerungsfetzen zuckten an meinem Auge vorbei. Erinnerungen von Soldaten. Sie führten uns in dieses Gebäude hinein, hatten uns mit Handschellen gefesselt.

 Etwas erschrocken schaute ich die KI an.

 „Sie haben Recht. Ich war auch schon mal hier. Wir alle. Wir waren…Gefangene.“

 „Gefangene?“, platzte es aus der Latina heraus. „Wir? Nein, unmöglich. Daran müsste ich mich doch erinnern!“

 „MDA“, murmelte Sydney. „Die MDA hatte etwas mit unserer Gefangennahme zu tun.“ Langsam erschienen meine Erinnerungen sehr viel klarer. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr Stücke konnte ich zusammensetzen.

 Sydney ging langsam mit gezogener Waffe auf das Gebäude zu und steuerte den Nebeneingang an. Ich folgte ihr. Tijuana blieb zunächst dort, wo sie war.

 „Hey, was habt ihr vor?“

 „Wonach sieht das aus?“, fragte ich die Latina etwas unwirsch. „Ich will wissen, was wir hier getan haben und was das für ein Gebäude ist. Erinnerst du dich denn an gar nichts mehr?“ Tijuana schüttelte etwas angesäuert den Kopf.

 „Nein. Ich kann mich an absolut gar nichts erinnern. Und ich habe auch keine Lust, da reinzugehen. Das ist doch reine Zeitverschwendung. Wir müssen…“

 „Tijuana, wir werden Ihre Freundin suchen“, beruhigte Sydney sie. „Wir sehen nach, was es mit diesem Gebäude auf sich hat und gehen dann sofort weiter. Begleiten Sie uns oder lassen Sie es. Aber alleine hier draußen herumzustehen halte ich für gefährlich.“ Tijuana kniff ihre Lippen zusammen und nickte zögerlich, dann gesellte sich doch zu uns.

 Als wir an den Eingang traten, empfing uns eine angelehnte Tür. Vorsichtig trat Sydney ein, ich blieb dicht hinter ihr.

 Am Ende eines langen Flures gab es eine tiefschwarzgetönte Glasschiebetür, daneben ein Code-Feld. Sydney checkte kurz das Eingabefeld, aber es schien keine Energie mehr zu haben.

 „Das Schloss ist tot“, konstatierte sie trocken und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Glastür. Ehe ich vorschlagen konnte, wieder den Rückzug anzutreten, hatte die KI mit einem lockeren Faustschlag die Tür zerschlagen. Millionen kleiner Glassplitter flogen mir um die Ohren. Instinktiv drehte ich mich weg und suchte etwas Deckung unter meinem Mantel.

 „Würden Sie mich demnächst bitte vorwarnen?“, zischte ich die KI an, die nun unbeirrt durch die zerstörte Tür trat. Dann blieb sie kurz stehen und sah mich mit einem verschmitzten Lächeln an.

 „Entschuldigung.“ Ich brummte missmutig und schaute ihr dabei tief in die Augen. Ihr sanftes Lächeln und das Strahlen ihrer Augen ließen weitere Erinnerungen zurückkehren. Ich war mir inzwischen ziemlich sicher, dass zwischen mir und dieser KI etwas Tiefgreifendes gewesen sein musste, bevor wir alle unser Gedächtnis verloren. Auch wenn ich das nicht ganz glauben konnte. Arkansas Johnston und humanoide KIs passten eigentlich überhaupt nicht zusammen. Ganz im Gegenteil. Die stießen sich ab und mochten sich überhaupt nicht. Zumindest mochte ich sie nicht, wie es bei den KIs ausschaute wusste ich nicht.

 Wir betraten einen dunklen und leeren Raum. Überall hingen Kabel aus der Wand, auf dem Boden entdeckte ich Spuren von Gerätschaften, die vor kurzem hier montiert gewesen sein mussten. Vermutlich Computerkonsolen. Jemand hatte sie ziemlich hastig aus dem Boden gerissen, und auch bei den Kabeln und Drähten hatte man sich keine Mühe gegeben, sie ordnungsgemäß abzubauen. Sie waren einfach durchgeschnitten oder herausgerissen worden.

 „Hier hat es jemand ziemlich eilig gehabt, zu verschwinden“, konstatierte ich.

 „Das Gebäude war mal ein Hotel“, bemerkte Ti und zeigte auf eine in die Wand eingelassene Konsole. Sie war vollkommen verstaubt und verdreckt, aber man konnte dennoch deutlich erkennen, dass es ein Food Server war. Solche Dinger gab es in jedem Hotel. Hier konnte der Gast alles an Nahrungsmitteln und Getränken bestellten, die er sich nur erträumen konnte. Die Konsole, mit der wir es hier zu tun hatten, war der Zentralserver und speicherte alle Bestellungen, um sie später in eine Rechnung zusammenzufassen.

 „Grand Archelon“, murmelte ich. Auch diese Erinnerung kam zurück.

 „Die MDA hat uns hier untergebracht, als wir die offiziellen Ermittlungen gegen Vitali Asharow aufgenommen hatten“, vervollständigte Sydney meine Gedankengänge.

 Vitali Asharow! Bei diesem Namen schrillten sämtliche Alarmglocken. Auch wenn mir noch ein paar Einzelheiten der letzten Monate fehlten, und auch der Datenbereich meines Nano-Bosses, der alle meine Fälle abgespeichert hatte, Lücken aufwies, den Trace nach diesem terranischen Terroristen hatte ich nicht vergessen. Fast glaubte ich, dass keine Amnesie dieser Welt meine Erinnerungen an diesen einen Fall löschen konnte. Und je mehr ich an diesen Scheißkerl dachte, umso klarer kamen die Erinnerungen an die zurückliegenden Wochen wieder. Ich hatte den Kerl an der Flucht von diesem Planeten gehindert, indem ich den Raumer abgeschossen hatte, der ihn eigentlich nach Terra zurückbringen sollte. So war ich also im Knast gelandet!  

 Und auch Tijuanas Erinnerungen schienen langsam zurückzukehren.

 „Wir sind mit der Hilfe von Agent Washington entkommen“, sagte sie leise und starrte dabei ins Nichts.

 „Aber wo ist die MDA jetzt?“, fragte ich in die Runde. „Ich kann mich daran erinnern, dass dieser Raum hier voll war mit Computerkonsolen und Holo-Boards.“

 „Wir sind von hier geflohen“, antwortete Sydney. „Vermutlich haben sie deshalb dieses Gebäude geräumt. Damit niemand zurückverfolgen kann, was sie hier drinnen getan haben. Für den Fall, dass wir Aussagen über diesen Ort machen.“

 „Haben wir Aussagen über diesen Ort gemacht?“, wollte ich von der KI wissen. Diese schüttelte den Kopf.

 „Das ist mir nicht bekannt. Aber ich denke, wir haben es nicht getan, weil wir einfach nicht wussten, wo sich dieses Gebäude befindet.“

 „Stimmt“, warf Ti ein. „Wir saßen in einem Einsatzfahrzeug mit getönten Scheiben. Dadurch konnte man rein gar nichts sehen. Sie hatten unser Ortungssystem blockiert, damit wir unsere Position nicht bestimmen konnten.“

 Ich schüttelte den Kopf. Es schien, als sei in letzter Zeit sehr viel mehr passiert, als wir alle dachten. Wir mussten schleunigst zusehen, dass wir unsere Erinnerungen wiederbekamen. Ich wusste nicht wieso, aber ich hatte das komische Gefühl, dass unsere Erlebnisse mit der MDA mit den heutigen Blackouts zusammenhingen. Auch wenn ich mir noch nicht vorstellen konnte, wie es genau zusammenhing.

 „Lasst uns von hier verschwinden“, sagte ich zu den beiden Frauen. „Wir müssen Arizona finden und dann…“ Ich stockte. Ja, was dann? Wohin ging man, wenn man keine Erinnerungen mehr an die letzten Wochen hatte?

 „Dann sollten wir das Office for Security andProtectionaufsuchen“, sagte Sydney. „Ich bin sicher, dass der MSS Notfallstationen eingerichtet hat.“

 „Meinen Sie?“, zweifelte Tijuana. „Den Jungs geht es doch bestimmt nicht anders als uns. Also ich weiß nicht, ob es erstrebenswert wäre, Bullen zu treffen, die sich nicht mehr daran erinnern, dass sie Bullen sind.“

 „Wir können uns auch daran erinnern, wer oder was wir sind. Es fehlen lediglich Fragmente unserer Erinnerungen“, wandte Sydney ein.

„Wir suchen jetzt erst einmal das Fellowship auf“, sagte ich und dachte daran, dass ich auch anfangs nicht gewusst hatte, dass ich MSS-Tracer war. So abwegig waren Tijuanas Bedenken also nicht. „Vielleicht gibt es dort ebenfalls Notfallstationen. Wenn wir Arizona gefunden haben, sehen wir weiter.“ Die beiden Frauen nickten und wir verließen das Gebäude

 

 Cydonia 2174- Ausnahmezustand

 

Ein marsianischer Neo-Philosoph schrieb einst: „Niemand kann die Kälte einer Marsnacht beschreiben, der sie nicht selbst schon an der eigenen Haut gespürt hat.“

 Und was soll ich sagen? Der Kerl hatte verdammt noch mal Recht! Sich nachts in den marsianischen Outbacks herumzutreiben, hatte ich schnell auf die Liste der Dinge gesetzt, die ich nie wieder machen wollte. Obwohl Sydney ein herrliches Lagerfeuer mittels zweier trockener Äste im Robinson Crusoe-Stil kredenzt hatte, wollte die Kälte in meinen Knochen nicht weichen. Sie war überall und biss unbarmherzig zu wie eine Klapperschlange.

 Ich rollte mich in meinen Staubmantel ein und kroch so nahe ans Feuer wie ich konnte. Mein Gesicht glühte schon unter der Sauerstoffmaske, die glücklicherweise aus feuerfestem Material bestand, und es roch leicht nach verbrannten Haaren. Aber das Gefühl wollte dennoch partout nicht in meine halberfrorenen Extremitäten zurückkehren.

 „Ich habe mehrfach betont, dass es dumm ist, zu Fuß in die Stadt zu gehen“, bemerkte die KI neben mir trocken und beäugte von oben herab das zitternde Häuflein Mensch, das ich gerade war. Zusammengerollt in einen halbverbrannten Mantel, die Knie angezogen, im eiskalten und tiefgefrorenen Marssand sitzend.

 Ich schaute zu ihr hoch. In ihrem quietschbunten und hüftlangen Kleid stach sie aus der lebensfeindlichen Umgebung heraus wie ein Harlekin auf einer Militärparade.

 „Wenn ich nicht wüsste, dass du eine KI bist, bekäme ich spätestens jetzt meine Zweifel“, konterte ich, ohne auf ihren eigentlichen Ausspruch zu reagieren. Sydney zog eine Augenbraue hoch.

 „Wieso? Weil ich im Gegensatz zu dir logisch gehandelt und versucht hätte, die Basis zu finden?“

 „Nein. Weil du nicht frierst.“

 „Vielleicht tue ich das ja und jammere nur nicht so viel wie du.“

 „Klar“, murrte ich und reckte meinen Kopf zur anderen Seite. Meine linke Gesichtshälfte fühlte sich durch die Hitze des Feuers schon taub an.

 „Ark du hättest wissen müssen…“

 „Ich weiß, dass das eine idiotische Idee war“, unterbrach ich die KI scharf.

 „Eine unlogische Idee“, korrigierte sie mich und neigte ihren Kopf zur Seite. „Nein, du hast Recht. Sie war idiotisch.“

 „Danke.“

 Langsam setzte sich die KI neben mich in den knüppelharten Sand. Wir schauten uns eine Weile schweigend an. Sydneys Gesicht war noch voller Ruß und Dreck, und ich sah bestimmt nicht besser aus. Die Klamotten zerrissen und mit Brandlöchern übersäht. Stille Zeugen der zurückliegenden Ereignisse. Wir waren wenige Kilometer von der Widerstandsbasis von einem zivilen Ausflugs-Rover mitgenommen worden, der uns nach Cydonia City bringen sollte. Doch bis dahin waren wir nie gekommen. Irgendwann hatten Militär-Rover der UDS unsere Wege gekreuzt, und als zwei Soldaten an Bord gekommen waren, drehte einer der Passagiere durch und schoss beide über den Haufen. Deren Kameraden hatten reagiert, wie Soldaten in unbekanntem und gefährlichem Territorium reagierten. Sie hatten das Feuer erwidert und den Ausflugs-Rover mitsamt seinen Passagieren zur Hölle gejagt. Und Sydney und ich waren mitten in diesem Inferno gewesen. 

 „Du konntest sie nicht retten“, sagte die KI nach einer Weile leise, nachdem sie ausgiebig meinen Gemütszustand studiert hatte.

 „Ich hätte es zumindest versuchen müssen“, entgegnete ich. „Aber ich habe es nicht versucht.“

 „Wir leben noch“, warf sie emotionslos ein.

 „Wir hatten Glück, Syd. Das ist alles. Wir hatten Glück, dass Sergeant Oakland dich mit einem Körperschutzschild ausgestattet hat.“

 „Auch der hat die Zivilisten nicht retten können. Er hat uns gerettet, nicht die anderen. Soll ich mir jetzt deswegen ebenfalls Vorwürfe machen?“

 Die KI klang knurrig, aber ich ignorierte ihre Frage.

 „Ich war ein verdammter Egoist, Sydney. Ich habe nicht einmal daran gedacht, die Zivilisten im Rover zu retten.“

 „Es war eine Stresssituation. Dein Überlebensinstinkt wurde aktiviert. Wenn dies der Fall ist, versucht das Individuum sich selbst zu retten. Und nur sich selbst. Das liegt in eurer Natur. Und ebenso in meiner, denn ich bin nach eurem Vorbild erschaffen worden.“

 „So etwas liegt aber normalerweise nicht in meiner Natur. Ich war ein Truppenführer. Ich hatte die Verantwortung für dutzende von Soldaten. Und ich hätte für jeden einzelnen damals mein Leben gegeben.“

 „Du hättest sie aber nicht retten können“, wiederholte sie sich. „Genauso wenig wie ich sie habe retten können. Das Schicksal der Zivilisten war zu dem Zeitpunkt besiegelt, als Debrecen auf die Soldaten feuerte.“

 Ich wusste, dass sie Recht hatte. Und wenn Sydney nicht über diesen netten Schutzschild-Gimmick verfügt hätte, wäre uns das gleiche Schicksal zuteilgeworden. Aber dennoch war es ein Scheißgefühl! Zumal ich die Schreie der Zivilisten immer noch im Ohr hatte. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich sie vor mir. Wie sie brannten und ihre Körper durch Geschosse aus UDS-Kanonen zerfetzt wurden.

 Lange hatte ich mich geweigert zu akzeptieren, dass ich kein Tracer mehr war. Kein Zivilist. Dass ich wieder Soldat sein und auf Kampfmodus umschalten musste. Und zwar möglichst schnell. Aber mein Kopf sträubte sich dagegen. Im Ressourcen-Krieg auf Terra hatte ich so vieles gesehen, das sich in mein Gedächtnis gebrannt und mich in meinen Träumen verfolgt hatte. Irgendwie hatte ich die Ereignisse und Bilder vergessen können. Bis jetzt. Durch den Angriff auf unseren Rover war alles wieder hochgespült worden, was ich bis dato erfolgreich verdrängt hatte.

 „Ich weiß“, seufzte ich und schaute gen Sternenhimmel. Als hätte ich sie dazu aufgefordert, tat es mir Sydney gleich. Eine kurze Weile beobachteten wir schweigend den Himmel, als die KI mich anschaute und leise fragte:

 „Ark? Glaubst du eigentlich an Gott?“

 Ich zuckte zusammen, und wenn ich noch irgendwo flüssigen, anstatt bereits gefrorenen Speichel im Mund gehabt hätte, hätte ich mich vermutlich daran verschluckt. Ich sah Sydney an, als käme sie von der Venus.

 „Seit wann philosophierst du über Glaubensfragen? Ich dachte, Glaube ist in deiner Programmierung nicht vorgesehen?“ Die KI zuckte mit den Achseln.

 „Ist er auch nicht. Aber ich bin die lernfähigste und intelligenteste Maschine, die je von Menschenhand geschaffen wurde. Nicht daran zu glauben, dass es etwas Höheres als den Menschen geben könnte, setzt voraus, nicht über das Sein als solches nachzudenken. Und das tue ich. Und je mehr ich die Menschen verstehen lerne, desto weniger kann ich glauben, dass der Mensch alles sein soll.“

 Ich runzelte die Stirn. Eine philosophierende KI war für mich ebenso merkwürdig wie neuartig, brachte mich aber ebenfalls zum Nachdenken.

 „Ich glaube auch nicht, dass der Mensch alles ist, was dieses verdammte Universum zu bieten hat. Und wenn, dann wäre das ein ziemlich armseliges Universum.“

 „Darüber bilde ich mir kein Urteil“, schmunzelte Sydney. „Schließlich wurde ich nach eurem Ebenbild erschaffen. Sowie ihr einst als Gottes Ebenbild erschaffen worden sein sollt.“

 „Woher...?“, begann ich, aber Sydney winkte meine Frage ab.

 „Ich habe aus den Datenbanken der Basis das Alte und Neue Testament heruntergeladen. Ich dachte, wenn ich eure Religion verstehe, verstehe ich euch Menschen besser. Leider ist nur der gegenteilige Effekt eingetreten. Zudem stelle ich mir inzwischen mehr Fragen über das Sein als solches. Ich versuche, denn Sinn darin zu sehen.“

 „Den Sinn des Seins?“, fragte ich und als Sydney nickte, musste ich leise lachen. „Sydney, das haben schon Millionen und Abermillionen Menschen vor dir versucht. Und keiner ist auch nur im Entferntesten einer Antwort nahegekommen. Also versuche es gar nicht weiter.“

 „Wirklich?“, stutzte sie. „Hat noch niemand herausgefunden, weshalb wir alle existieren?“

 „Es gibt viele verschiedene Theorien, und viele verschiedene Religionen haben ihre eigene Auffassung über den Sinn des Seins oder über die Existenz von Gott oder irgendwelchen anderen höheren Mächten. Und keiner von denen hat eine Ahnung, was wirklich Sache ist.“

 „Vielleicht sollten die Menschen die Maschinen mal darüber nachdenken lassen“, entgegnete Sydney. Ich schaute sie an. Ihre Lippen umspielte ein Lächeln, so dass ich sicher war, dass dieser Ausspruch nicht wirklich bierernst gemeint war.

 „Lieber nicht“, sagte ich und gähnte ausgiebig. 

 „Du solltest eine Weile schlafen“, sagte Sydney.

 „Kann ich nicht“, antwortete ich leise. Es waren nicht nur die Schmerzen in meinen Armen, die mich wachhielten. Der kybernetische Arm pochte und hämmerte, der biologische Arm hingegen brannte und stieß die tote, verbrannte Haut von sich. Ich häutete mich wie eine Schlange. Wenn es denen auch so wehtat wie mir, waren diese Viecher echt nicht zu beneiden. Die machten das ja schließlich öfters durch.

 Selbst wenn ich unter Schmerzen hätte einschlafen können, hätten mich die Bilder in meinem Kopf verfolgt.

 „Wir haben morgen noch einen langen Weg vor uns, Ark. Du musst dich ausruhen“, belehrte sie mich. Ich gab ein leises Knurren von mir.

 „Nein, Mami. Ich will noch nicht ins Bett…“

 „Du hättest auch im Angesicht des Todes noch einen blöden Spruch auf Lager, was?“, ätzte die KI, verzog ihre Mundwinkel dann jedoch zu einem leichten Lächeln. Entwickelte meine KI langsam eine Art von schwarzem Humor?

 „Ja, ich denke schon“, gab ich unumwunden zurück und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Wange.

 „Weißt du Ark, ich…“, begann Sydney, zuckte dann aber zusammen.

 „Was ist?“

 „Da kommen Fahrzeuge“, flüsterte sie leise und schnellte hoch. Geistesgegenwärtig zucke ich ebenfalls hoch und suchte nach meiner Waffe. Der Holster lag weit abseits des Feuers. Es wäre dramatisch gewesen, hätten sich die Kugeln durch die Hitze selbstständig gemacht.

 Ich fischte die Sixton heraus und checkte das Magazin. Dann sah ich zu Sydney hinüber. Die KI starrte fokussiert gen Osten.

  „Wie viele?“, wollte ich wissen, denn ich konnte sie weder sehen noch hören. Schon blöd, wenn man nur mit beschränkten menschlichen Fähigkeiten ausgestattet war. Gut, mit ein paar Upgrades hätte ich wohl das Gleiche draufgehabt wie meine künstliche Gefährtin, aber dafür hatte ich Zeit meines Lebens nie die nötigen Kredite besessen. Ein armer Schlucker wurde eben nicht zu Superman. Nicht einmal auf dem Planeten der unbegrenzten Möglichkeiten.

 „Zwei“, antwortete sie knapp. „Schnell näherkommend.“

 „UDS oder Protektorat?“

 „Weder noch. Keine Hoheitszeichen.“ Die KI drehte langsam ihren Kopf zu mir. „Leichte Buggys. Bewaffnet.“

 „Scheiße!“, zischte ich und umklammerte den Griff meiner Sixton. „Outlaws!“

 „Bist du sicher? Es könnten auch Fahrzeuge von Schmugglern oder Raumpiraten sein.“

 „Ist doch ein und dasselbe!“, entgegnete ich scharf, während ich nun die Lichter der näherkommenden Fahrzeuge erkannte. Sie waren noch geschätzte zwei Kilometer entfernt, wir hatten also genug Zeit, um uns irgendwo zu verstecken. Wenn da nicht das verdammte Feuer gewesen wäre!

 „Hilf mir, das Feuer zu löschen!“, wies ich die KI hastig an und versuchte mit bloßen Händen, den steinharten Marssand auf unseren Wärmespender zu schaufeln. Scheißidee!

 „Das funktioniert nicht“, bemerkte Sydney trocken.

 „Klugscheißer!“

 „Sie drehen bereits bei, Ark. Anscheinend haben sie unser Feuer entdeckt.“ Die KI zog ihre Phasenpistole hervor. „Um wegzulaufen ist es jetzt ohnehin zu spät.“

 Damit hatte sie wohl Recht. Und auch wenn wir einfach so davongelaufen wären, wohin hätten wir fliehen sollen? Die Outbacks waren in dieser Gegend so flach wie ein See. Diese Typen hätten uns mit den billigsten Nachtsichtgeräten mehrere Kilometer weit ausmachen können.

 Ich schaute mich hastig um. Viel Deckung ergab sich nicht. Ein Strauch, eine seichte Kuhle im Boden, ein mannshoher Fels. Das war`s. Aber immerhin besser als nichts.

 „Hinter den Felsen da“, befahl ich Sydney. „Los!“

 Wir suchten Deckung und richteten unsere Waffen in Richtung der näherkommenden Fahrzeuge. Eine Weile warteten wir angespannt, bis ich das erste Fahrzeug als leichten Buggy identifizieren konnte. Das Ding bestand lediglich aus vier Rädern und einem zusammengezimmerten Stahlrahmen, der neben der Druckkanzel zwei mächtige Maschinengewehre auf dem Dach trug. Dahinter folgte der zweite Buggy, der mit sechs Rädern eher wie ein Rover aufgebaut war, aber aufgrund der Leichtbauweise immer noch unter der Fahrzeuggattung Buggy lief. Dieser zweite Buggy trug anstatt Maschinengewehren zwei kleine Protonenwerfer auf dem Dach. Die Fahrerkanzel war zweigeteilt, einmal für den Piloten und einmal für den Schützen, dessen Kanzel sich um die eigene Achse drehen konnte. Ganz schön schwere Waffen für einfache Outlaws.

 Die Fahrzeuge hielten in sicherem Abstand zu unserem Feuer. Die Suchscheinwerfer neben ihren Waffen richteten sich auf die nähere Umgebung aus und suchten diejenigen, die diese herrlichen Flammen trotz des geringen Sauerstoffanteils in der Marsatmosphäre hatten entzünden können.

 Sydney und ich duckten uns und drückten uns dicht an den kalten Fels, während sich die Kanzel des kleinen Buggys erhob und zwei bewaffnete Männer ausstiegen. Mit vorgehaltenen Gewehren sicherten sie vorsichtig die Umgebung. Ich musterte ihre Klamotten. Beide waren in zivile Lederklamotten gekleidet, dreckig und ausgefranst. Ihre Gesichter lagen im Schatten, denn beide wurden von hinten durch die grellen Suchscheinwerfer angestrahlt. Ich konnte auch nirgends irgendwelche Abzeichen erkennen, die mir verraten hätten, welcher Fraktion sie angehörten. Es konnten also tatsächlich Raumpiraten oder Schmuggler sein. Vielleicht gehörten sie aber auch zu einer der beiden ortsansässigen Tracer-Organisationen. Ja, es gab tatsächlich Tracer, die ihre Rollen als einsame Wölfe leidgeworden waren und sich mit anderen zusammengeschlossen hatten. Erfolgreicher waren sie dadurch allerdings nicht.

 Ein leises Piepen zerriss die Stille meiner Gedanken und ließ mich unweigerlich zusammenzucken.

 „Ich habe eine Schwachstelle an einem ihrer Buggys ausgemacht“, meldete sich Sydney per Gedankennachricht. „Am Größeren der beiden fehlt die Sicherheitsabdeckung um den Energieverteiler. Mit einem gezielten Schuss könnte ich diesen zur Explosion bringen.“

 Ich schaute die KI an. Ich wusste, dass sie auf diese Entfernung einer Fliege die Flügel abschießen konnte. Aber wir wussten weder, wer die Typen waren, noch was sie wollten. Würden wir den ersten Schritt machen und sie angreifen, konnten wir uns Feinde schaffen, die nicht unbedingt unsere Feinde sein mussten. Zumal wir auch nicht wussten, wie viele es genau waren und was sie alles draufhatten.

 „Wie viele Kämpfer haben die?“, wollte ich also von der KI wissen. Sydney fokussierte die beiden Fahrzeuge.

 „Neben den beiden, die ausgestiegen sind, sind es noch vier weitere.“

 Insgesamt sechs. Sechs gegen zwei. Das waren nicht unbedingt die schlechtesten Karten. Zumal ich eine KI neben mir wusste, die sehr wohl mit Waffen umgehen konnte. Und ich war auch nicht der schlechteste am Abzug.

 „Hallo?“, rief nun einer der beiden Bewaffneten. „Ist da jemand?“

 Ich runzelte die Stirn und schaute Sydney an. War das vielleicht eine Falle? Outlaws schossen für gewöhnlich erst, und holten dann erst Erkundigungen ein.

 Der Zweite schaute nun in Richtung unserer Deckung und deutete dem anderen Kämpfer mit einem leichten Wink, er möge mal nachsehen, wer sich dahinter versteckte. Langsam kam dieser nun auf uns zu. Mein Puls raste. Angreifen oder nicht?

 Ich aktivierte mein Targeting-System. Mithilfe dieses kleinen Programmes hätte ich beide umlegen können, ehe diese überhaupt geschnallt hätten, was Sache war. Sydney konnte mit einem gezielten Schuss den Buggy außer Gefecht setzen. Den Rest der Truppe zu eliminieren wäre dann auch kein Problem mehr gewesen.

 Ich entschloss mich für die vermeintlich sichere Variante und rief aus meiner Deckung heraus.

 „Keinen Schritt weiter! Wir haben euch im Fadenkreuz, also stellt keine Dummheiten an!“

 Die beiden Bewaffneten blieben wie angewurzelt stehen und schauten sich an, während die Kanzel des anderen Buggys öffnete und die Verstärkung auslud. Vier weitere Waffenbrüder, jeder mit einem Sturmgewehr in der Hand, setzten ihre Stiefel auf den Marssand und richteten nun ihre Läufe auf unsere Felsendeckung.

 Sydney schaute mich stirnrunzelnd an und schüttelte den Kopf.

 „Was ist das denn für ein Plan?“, zischte sie mir leise zu.

 „Einer, der hoffentlich funktioniert“, gab ich zurück und richtete die Sixton aus. Mein Targeting-System zielte nun auf den Kopf des ersten Bewaffneten.

 „Wer seid ihr?“, wollte dieser nun wissen. Er  machte keine Anstalten, sein Gewehr zu senken.

 „Wer seid ihr?“, entgegnete ich scharf. „Piraten? Schmuggler? Tracer?“

 „Weder noch“, kam als Antwort. „Freie Marsbruderschaft. Und ihr? Seid ihr Widerständler?“

 Ich legte meine Stirn in Falten. Freie Marsbruderschaft? Hatte ich noch nie gehört. Wollten diese Kerle uns verarschen?

 „Ich warne euch!“, rief ich ihm entgegen. „Verarscht uns nicht! Meine Partnerin zielt direkt auf den Energieverteiler eures Buggys. Ein Wort von mir, und das Scheißding fliegt in die Luft!“

 Der Bewaffnete neigte den Kopf, als lausche er angestrengt. Vielleicht bekam er gerade einen Befehl über seinen Nano-Boss. Dann streckte er langsam sein Gewehr von sich, legte es vor sich auf dem Boden ab und trat einen Schritt zurück.

 „Seht ihr?“, rief er mir zu. „Es gibt keinen Grund, auf uns zu feuern. Sie sind Arkansas Johnston?“

 „Ja“, antwortete ich ein wenig überrascht darüber, dass mich diese Kerle so schnell identifizieren konnten. Sie mussten einen ID-Scanner an Bord ihrer Buggys mit sich führen. Ein Scanner, der noch dazu in der Lage war, meine wahre ID zu lesen und nicht die gefälschte, die ich in einem kleinen Würfel mit mir herumtrug. Oder mein neues Spielzeug war bei unserer Flucht kaputtgegangen.

 „Wer ist bei dir?“, wollte der Kerl wissen. „Unsere Scanner registrieren eine gewisse Dakota Gleason. Die gibt es aber in den marsianischen Datenbanken nicht. Also?“

 Sydney und ich schauten uns an. Die Jungs waren gut. Zu gut, um einer Organisation anzugehören, von der ich noch nie zuvor gehört hatte. Dennoch war ich überrascht, dass Sydney noch als Dakota Gleason durchging. Wieso sollte ausgerechnet mein ID-Würfel defekt sein und ihrer nicht?

  „Freie Marsbruderschaft, ja?“, argwöhnte ich. „Scheiße! Ihr seid Tracer! Für wen arbeitet ihr?“

 „Wir arbeiten für niemanden, Arkansas. Das sagt schon unser Name, oder etwa nicht?“

 „Sehr witzig! Ich würde mir an deiner Stelle gut überlegen, was du sagst, Freundchen! Sonst kannst du dich von deinem Buggy und deinem Kopf verabschieden!“

 „Wir haben den Angriff der UDS auf einen Rover beobachtet“, sagte der zweite Kämpfer, der sich nun neben seinen Kameraden stellte. „Ward ihr in dem Rover?“

 „Und wenn dem so wäre?“, wollte ich wissen.

 „Ich will euch nur klarmachen, dass wir auf derselben Seite sind. Das ist alles. Die UDS und das Protektorat sind ebenso eine Bedrohung für die Bruderschaft wie auch für den Widerstand. Also macht uns das in gewisser Weise zu Verbündeten. Falls ihr dem Widerstand angehört.“

 Ich presste die Lippen aufeinander. Diese Jungs investierten eine Menge, um mit uns in friedliche Verhandlungen zu treten. Vielleicht sollten wir uns darauf einlassen.

 Ich hielt per Blickkontakt Rücksprache mit Sydney. Diese schien ebenfalls nicht zu wissen, was sie von der ganzen Sache halten sollte.

 „Ich habe ebenfalls noch nie etwas von einer Freien Marsbruderschaft gehört“, beantwortete sie meine fragenden Blicke leise. „Und meine Datenbanken sind umfangreicher als die Streambibliothek. Ergo traue ich der Sache nicht.“

 „Ich auch nicht“, gab ich zurück. „Aber wenn diese Kerle da die Wahrheit sagen, könnten wir wertvolle Verbündete gefunden haben.“

 „Und wenn nicht, schießen sie uns bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken!“

 Ich schielte an unserer Felsendeckung vorbei und beäugte die beiden Protonenwerfer auf dem Dach des großen Buggys. Damit hätten sie uns, zusammen mit diesem mickrigen Felsen, schon lange ins All pusten können. Wenn sie wirklich feindliche Absichten hatten, dürften wir also schon nicht mehr am Leben sein.

 „Das hätten sie schon lange tun können“, entgegnete ich und deutete mit meinem Kinn auf die Protonenwerfer. In Sydneys Kopf begannen die Bi-Trigulären Synapsen zu arbeiten und tausende von Wahrscheinlichkeitsrechnungen anzustellen. Das erkannte man daran, dass ihre Augäpfel umherzuckten, als hätte sie sich eine riesige Tüte Marsgrass reingezogen.

 „Stimmt“, kam dann als einzige Antwort. Das war für den betriebenen Rechenaufwand recht dürftig, aber immerhin besser als gar nichts.

 „Du bleibst hier und zielst weiterhin auf den verdammten Energieverteiler“, wies ich sie an und verließ nun langsam die Deckung, mit der Sixton im Anschlag. Die Männer im Hintergrund hoben ihre Waffen in meine Richtung. Aber derjenige, der zuvor sein Gewehr auf den Boden gelegt hatte, hob eine Faust als Zeichen, nichts zu unternehmen.

 „Nicht feuern!“, mahnte er seine Hintermänner, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen.

 „Meine Partnerin zielt immer noch auf euren Buggy“, rief ich den anderen zu. „Also hört lieber auf euren Kollegen!“

 „Das tun sie schon“, beruhigte mich der Kerl. „Es sind meine Leute. Sie hören auf mein Kommando.“

 „Ich habe leider keine Ahnung, wie effektiv eure Hierarchie ist“, antwortete ich mit fester Stimme. „Ich kenne euch nicht. Ich habe noch nie etwas von der Freien Marsbruderschaft gehört. Also seht es mir nach, wenn ich trotzdem vorsichtig bin.“

 Ich schwenkte meine Sixton, um den Kerlen begreiflich zu machen, dass ich nicht vorhatte, sie zu senken, solange sie aus dem Hintergrund auf mich zielten.

 „Senkt die Waffen!“, befahl der Erste und die Männer hinter ihm taten es prompt. Schien mit der Hierarchie ja doch gut zu klappen.

 Da nun keine unmittelbare Gefahr mehr zu bestehen schien, nahm ich ebenfalls die Sixton runter. Ich wusste, dass Sydney den Buggy auch weiterhin im Visier halten würde, bis ich ihr etwas Gegenteiliges mitteilte. Bis vor kurzem hätte ich keinen Kredit darauf gewettet, dass diese KI je Befehle von mir annähme. Höchstens mal einen Vorschlag. Doch die Zeiten hatten sich grundlegend geändert. Wir hatten aufgehört Zivilisten zu sein, als wir aus der Stadt geflohen waren. Sie bekleidete nun offiziell den Rang eines Private, und ich war ihr vorgesetzter Unteroffizier. Auch wenn wir beschlossen hatten, das Ganze nicht so eng zu sehen. Schließlich waren wir nebenher eine Art Liebespaar. Auch wenn es sich für mich immer noch surreal anfühlte, eine romantische Beziehung zu einer KI zu pflegen. Aber wie gesagt, die Zeiten hatten sich geändert.

 „So“, sagte ich dann mit fester Stimme. „Eure Truppe nennt sich also Freie Marsbruderschaft? Erklärt ihr mir mal, was das genau bedeutet. Für wen kämpft ihr? Und wieso habe ich noch nie von euch gehört?“

 Der Mann in vorderster Front trat einen zögerlichen Schritt vor und nickte in Richtung Fels. Jetzt endlich konnte ich sein Gesicht erkennen. Zumindest das, was aufgrund seiner enorm dichten Gesichtsbehaarung überhaupt noch zu erkennen war. Das waren eine mächtige breite Nase, tiefliegende Augen und ein spitzer Mund, der so gar nicht ins Bild passen wollte. Der Kerl  war klein und ging mir höchstens bis zum Kinn, seine dunklen zotteligen Haare fielen ihm bis auf die Schultern. Er trug keine Sauerstoffmaske, aber das war bei Menschen, die in den Outbacks lebten, nicht ungewöhnlich. Man konnte sich an die dünne Luft gewöhnen, wenn man ihr nur lange genug ausgesetzt war. Die Leute hier draußen hatten spezielle Atemtechniken entwickelt, um mit dem geringen Sauerstoffgehalt auszukommen. Es hätte mich in keiner Weise gewundert, wenn dieser Kerl vor meinen Augen einen Marathonlauf hingelegt hätte. Und sei es nur, um damit anzugeben.    

 „Zielt deine Freundin immer noch auf unseren Buggy?“, fragte er.

 „Ich hasse es, wenn jemand meine Fragen mit einer Gegenfrage beantwortet“, maulte ich. Der Kerl verschränkte die Arme vor der Brust.

 „Und ich hasse es, wenn man auf uns zielt. Also?“

 Ich holte tief Luft und gab Sydney einen Wink. Die KI kam mit vorgehaltener Phasenpistole hinter der Deckung hervor.

 „Ich ziele nicht mehr auf Ihren Buggy“, sagte die KI emotionslos. „Ich ziele auf Sie! Also erklären Sie sich!“

 Die Kleine war inzwischen noch misstrauischer als ich. Das war im Grunde nicht schlecht. Ich wusste nicht, weshalb ich versucht war, diesen Leuten ihre Geschichte abzukaufen. Vielleicht war es die Hoffnung, neue Verbündete zu finden. In dieser Hinsicht dachte ich wohl weiter als die KI. Oder meine Wahrscheinlichkeitsberechnungen waren nicht so exakt wie ihre.

 „Sie trauen wohl niemandem, was?“, stellte der Kerl fest.

 „Nein, tue ich nicht“, antwortete die KI und schob sich direkt neben mich. Unsere Blicke trafen sich. In ihren Augen konnte ich das Unverständnis darüber lesen, dass ich meine Waffe gesenkt hatte und diesen Leuten einen Funken Vertrauen entgegenbrachte. „Und du solltest das auch nicht tun!“, fügte sie per Gedankennachricht an.

 „Ich weiß“, gab ich kurz zurück und konzentrierte mich darauf, eine gescheite Antwort zu senden. „Und das tue ich auch nicht. Aber für den Moment scheint keine Gefahr zu bestehen. Wenn diese Kerle uns hätten umbringen wollen, hätten sie es schon längst getan. Also senk deine Waffe!“

 Der Kämpfer vor uns neigte seinen Kopf zur Seite.

 „Wenn ihr beide damit fertig seid abzuwägen, ob ihr doch auf uns feuern sollt, könnten wir ja anfangen, uns vorzustellen. Was meint ihr?“ 

 „Na, ihr wisst ja anscheinend bereits, wer wir sind“, entgegnete ich.

 „Arkansas Johnston und…“ Er schaute die KI an. „Eine gewisse Dakota Gleason. Obwohl ich bezweifle, dass Name und ID echt sind.“

 „Sydney“, gab die KI knapp zurück.

 „Sydney. Schön. Mein Name ist Snake. Die Jungs da hinten sind Bear, Wolf, Lion, Dog und Panther.“ 

 Ich runzelte die Stirn, während ich die anderen im Hintergrund argwöhnisch beäugte.

 „Toll. Ihr steht also auf Tiernamen“, murmelte ich. Snake verzog seine Mundwinkel zu einem Lächeln.

 „Wir stehen auf die Freiheit“, gab er zurück. „Unsere Namen sollen das verdeutlichen und uns zudem von der Masse der marsianischen Bewohner abgrenzen.“

 „Ihr lebt also nicht in der Stadt?“, fragte ich. Und eigentlich hatte sich die Frage erübrigt. Wenn sie das täten, hätte ich doch von diesen Leuten gehört. Zudem war das Erscheinungsbild dieses Snakes bezeichnend für die Hinterwäldler, die sich in den Outbacks angesiedelt hatten. Bärtig, mit einer durchtriebenen Visage und finsterem Blick. Seltsamerweise erschien er mir dennoch vertrauenswürdiger als so mancher Städter.

 Snake neigte den Kopf zur Seite, sodass ich eine kleine Gerätschaft erkennen konnte, die er im Ohr trug. Vermutlich ein kleines Funkübertragungsgerät, wie man sie im Prä-Nanozeitalter zur Kommunikation verwendet hatte.

 „Nein, natürlich nicht“, antwortete Snake. „Das haben wir noch nie getan. Wir waren schon immer diejenigen, die gegen den Strom geschwommen sind. Wir sind nicht nanomarkiert und somit auch nicht manipuliert. Wir sind die einzig wirklich freie Gesellschaft auf diesem Planeten.“

 „Ihr wisst also von der Manipulation?“, fragte Sydney und Snake nickte.

 „Ja. Und zwar schon sehr lange. Wir leben zwar weit außerhalb der Stadt, aber blöde sind wir nicht. Auch wir hier draußen haben bemerkt, wie sich plötzlich alles veränderte. Einige unserer Siedler, die in die Stadt gegangen und nach einigen Monaten zurückgekommen waren, verhielten sich seltsam. Zuerst hatten wir ihr Verhalten auf das Nanomarkern geschoben, aber auch wir Hinterwäldler können mit Technologie umgehen und sie verstehen. Unser Doc hat die Rückkehrer untersucht und dieses miese Programm sehr schnell ausfindig machen können. Aber wir haben es leider nie geschafft, es zu beseitigen.“

 „Daran haben sich schon einige die Zähne ausgebissen“, entgegnete ich. Snake schaute mich durchdringend an.

 „Aber ihr habt es geschafft.“

 „Ja. Aber schön ist das nicht, das kannst du mir glauben“, sagte ich und schon kreisten meine Gedanken wieder um Tijuana. Sie stand noch unter der Kontrolle des Protektorats-Programms. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit konnte sie aufgrund der Komplexität des Ganzen auch nicht davon befreit werden. Zumindest nicht, ohne ihr Leben zu gefährden.

 „Snake!“, meldete sich einer der Kerl im Hintergrund. „Wir sollten von hier verschwinden! Da kommt unerwarteter Besuch!“ Snake drehte sich zu seinen Leuten herum.

 „Wer?“, brummte er. Der Kerl, der die Warnung ausgesprochen hatte, klemmte hinter dem Steuer des großen Rovers und starrte auf seine Anzeigen.

 „Drei Fahrzeuge aus Richtung Westen, Duster- Signaturen!“

 „Scheiße!“, giftete Snake, während er sich wieder zu uns herumdrehte. „Wir hauen ab. Und ihr solltet auch nicht hierbleiben. Wir könnten euch mitnehmen.“

 Sydney und ich schauten uns fragend an.

 „In welche Richtung fahrt ihr?“, wollte die KI von dem brummigen Kerl wissen. Dieser zeigte Richtung Osten.

 „Unser Lager liegt drei Stunden von hier entfernt.“

 „Das ist die völlig falsche Richtung“, warf ich ein. „Wir müssen in die Stadt.“

 Snake zog seine beiden überaus buschigen Augenbrauen hoch und starrte mich an, als sei ich ein schlechter Witz auf zwei Beinen.

 „Ihr habt keine Ahnung, was? Ihr kommt nicht in die Stadt. Nachdem die Rebellen einige ihrer Soldaten außerhalb der Stadt angegriffen haben, hat das Protektorat die Stadt hermetisch abgeriegelt. Da kommt keiner rein oder raus. Und mit euren schlecht gefälschten IDs schon mal gar nicht.“ Er zeigte auf meine Brust. „Lasst mich mal raten: Ihr habt auch Holofaces dabei?“

 Ich nickte und fasste automatisch an mein Brustbein, dort, wo der Holoface-Emitter klebte.

 „Ja“, gab ich knapp zur Antwort. Ich wusste nicht, ob dieser Emitter noch funktionierte, der ID-Würfel tat es offensichtlich nicht mehr. Ich hatte die Maske deaktiviert, nachdem Sydney und ich beschlossen hatten, in die Stadt zurückzukehren, trotz dass uns unser Transportmittel unterm Hintern weggeschossen worden war. Besser gesagt, hatte nur ich das beschlossen. Sydneys KI-Logik war natürlich dagegen gewesen, und leider hatte diese Logik Recht behalten. Es war eine Scheißidee gewesen.

 Seitdem hatte ich dieses verdammte Holoface auch nicht mehr aktiviert. Aber ob es noch funktionierte, spielte inzwischen auch keine Rolle mehr. Diese Jungs hier hatten meine ID lesen können, also konnten die Wärter an den Luftschleusen zur Stadt dies auch tun. Reinschleichen war also nicht mehr. Und das bestätigte mir auch Snake.

 „Das solltest du lassen. Wenn du versuchen solltest, dich mit solchen Tricks in die Stadt zu schleichen, merken die das sofort und knallen dich ab. Fertig!“

 „Snake! Wir sollten uns langsam beeilen!“, warnte sein Kollege im Rover. Snake verdrehte sichtbar die Augen.

 „Also. Ich denke, ihr habt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder, ihr geht euren Weg weiter und lasst euch erschießen, oder ihr kommt mit uns.“

 Wieder schauten Sydney und ich uns fragend an. In ihren Augen konnte ich den Zweifel lesen, den sie hegte. Und mir ging es nicht anders, aber eine andere Wahl schienen wir für den Moment nicht zu haben. Das wir in die Stadt mussten, war klar. Ich musste Tijuana finden, musste herausfinden, wo sich Toluca herumtrieb und nebenher meinen Trace-Auftrag für den Widerstand durchziehen. Ich hatte eigentlich viel zu viel zu erledigen, um mein Vorhaben, mich wieder in die Stadt einzuschleichen, ad acta zu legen. Doch wenn dieser Snake Recht hatte -und ich ging davon aus, da ich wusste, wie paranoid das Regime nach dem großen Blackout geworden war- käme ich in meinem Bestreben nicht allzu weit.

 Ich fühlte den ID-Würfel in meiner Manteltasche und zog ihn hervor. Das kleine Ding war eingedrückt und an einer Kante leicht angesengt. Viel hatte er nicht ausgehalten. Wenn ich also jemals zur Rebellen-Basis zurückkehrte, wollte ich Sergeant Oakland den Schrott um die Ohren hauen.   

 „Schön“, sagte ich und schaute Snake an. „Wir kommen mit.“

 Der brummige Typ nickte, gab uns einen Wink und wir gingen zu den Fahrzeugen.

 „Halt trotzdem schön die Augen auf, mein Schräubchen!“, hörte ich meine Gedanken noch zu Sydney sagen, als wir zusammen mit Snakes Männern den großen Rover bestiegen.

 

 

Paranormal-Im Auge des Jägers

 

Der Club füllte sich langsam, aber Rhoran hatte anscheint keine Lust, die Theke zu schmeißen. Während seines Gesprächs mit Jules hatte er ein blondes Mädel aus einer Ecke zu sich geholt und ihr den Thekendienst aufgebrummt mit dem freundlichen Vermerk, dass sie ihm ja noch einen Gefallen schuldig war.

  Jules hatte keine Ahnung warum, aber irgendwie hatte sie das dringende Bedürfnis, diesem Rhoran, den sie gar nicht wirklich kannte, ihre ganze Geschichte zu erzählen. Sie erzählte von ihren Eltern und was diese genau waren, von dem tödlichen Autounfall, den die beiden erlitten hatten als Jules sieben Jahre alt war, von Yuki und den Engel. Irgendwann wusste Jules nicht mehr, wie viele Wodkas sie bereits gekippt hatte, nur, dass ihre Zunge langsam begann, schwerer zu werden. Als ihre Geschichte bei den Engeln ankam, wurde sie wütend.

  „Kannst du dir das vorstellen? Ich hätte mich fast in diesen Scheißengel verknallt. Unfassbar…“ Rhoran presste die Lippen aufeinander und nickte, während die Blonde neben ihm die Gäste bewirtete.

  „Ich habe noch nie etwas von Engeln gehalten“, gab er zu und kippte den letzten Rest aus der Wodka-Flasche in die kleinen Gläser vor sich. „Weißt du, was eine Baobhan-Sith ist?“ Jules kramte in ihrer Gedächtniskiste. In der zehnten Klasse hatten sie übernatürliche Wesen aus anderen Ländern durchgenommen, und darunter war auch die sogenannte Baobhan-Sith, eine verführerische Vampirfrau, über die sich in Schottland viele Geschichten rankten und die sich überwiegend junge Männer auf die Speisekarte geschrieben hatte.

  „Eine Vampirin“, bemerkte Jules und Rhoran nickte.

  „Meine Mutter war eine Baobhan-Sith. Sie hatte sich in eines ihrer Opfer verliebt, dem Sohn eines Mechanikers in Aberdeen. Sie blieben eine Zeitlang zusammen und zeugten mich. Dann verließ ihn meine Mutter und zog nach Deutschland.“ Jules war überrascht.

  „Du bist ein Halbvampir?“

  „Kann man so sagen, ja. Aber keine Angst, ich trinke kein Blut und in der Sonne löse ich mich auch nicht auf.“ Er fletschte seine Zähne und nun hatte Jules einen freien Blick auf zwei kleine, scharfe Eckzähne, die ihr vorhin noch gar nicht aufgefallen waren. „Das ist das Einzige, was ich geerbt habe. Und die Unsterblichkeit, nebenbei erwähnt.“ Jules nickte und kippte den nächsten Wodka herunter. Es war das erste Mal, dass sie jemanden kennenlernte, der vampirische Wurzeln hatte. Vampire waren, genau wie Lycaner, immer seltener geworden, seitdem die Gesellschaft global operierte. Zwar strahlten diejenigen unter den Vampiren, die nicht von Luzifer in der Hölle zu solchen gemacht und als reinrassige Vampire galten, keine Energien ab, aber dennoch hatten sich zu viele Rekruten bei der GEEPA zum Vampirjäger ausbilden lassen. Und diese Jäger hatten allesamt ihre eigenen, sehr effektiven  Methoden, um Vampire aufzuspüren. Bei Werwölfen verhielt es sich ähnlich. Es gab unter ihnen zwei Arten: Luzifers Höllenhunde, die sich als schwarze, riesige Wölfe auf der Erde manifestierten, strahlten dämonische Energien ab. Lycaner, also Menschen, die sich in Wölfe verwandeln konnten, taten das nicht. Aber auch die konnten von der GEEPA aufgespürt werden.

  Die Wesen, die für die meisten Mythen und Legenden sorgten, die unter den Menschen kursierten, standen kurz vor ihrer vollständigen Ausrottung. Natürlich wären die meisten Menschen erleichtert, wenn es keine Vampire oder Werwölfe mehr auf der Welt geben würde, denn sowohl die Blutsauger als auch die Wölfe waren noch gefürchteter als Dämonen. Dennoch gehörten diese Anormalen einfach zur Welt, wie sie heute war, dazu. Zumindest in den Augen der Neunzehnjährigen, die niemals ein Problem mit Vampiren oder Werwölfen gehabt hatte. Logisch, war sie doch eine Halbdämonin, die aufgrund ihrer Abstammung ohnehin nichts vor denen zu befürchten hatte  

  „Und du lebst schon lange hier unten?“, fragte Jules. Ihre Blicke wanderten an Rhoran vorbei und suchten bereits wieder das Regal ab nach irgendetwas, was sie dem Wodka folgen lassen konnte.

  „Ja, bin schon seit drei Jahren hier unten.“ Er zuckte beiläufig mit den Achseln. „Man gewöhnt sich an das Leben hier unten.“ Jules hob ihre Augenbrauen.

  „Das bezweifele ich“, seufzte sie und dachte daran, dass die Engel tatsächlich vorhatten, ihr ein dauerhaftes Quartier hier im Untergrund einzurichten.

  Ihre Blicke fielen auf eine Flasche Tequila Silver.

  „Machst du mir von dem auch noch einen?“, fragte sie und nickte zu der Flasche herüber. Rhoran machte ein erstauntes Gesicht.

  „Du verträgst aber viel.“

  „Ich bin zu zweiviertel ein Dämon, das haben wir so an uns.“ Rhoran grinste, und während er sich zum Regal herumdrehte um die Flasche zu greifen, fiel Jules im Augenwinkel eine Gruppe Jugendlicher auf, die sich in eine Ecke des Clubs zurückgezogen hatten. Drei Jungs, die sich mit einer dunkelhaarigen Frau unterhielten, die mit dem Rücken zu Jules stand. Die Blicke der Neunzehnjährigen glitten an der Frau hinab und landeten auf ihrem wohlgeformten Hintern, der sich hervorragend in einer knallengen Bluejeans abzeichnete. Jules war seltsamerweise von diesem Anblick sehr angetan und bemerkte gar nicht, dass die Frau einen kurzen Blick über die Schulter riskierte und Jules erfasste, als würde sie bemerken, dass jemand auf ihren Hintern starrte.

  „Also“, lächelte Rhroan und beugte sich weit über die Theke, während er Jules` Glas mit Tequila füllte. „Dass fast alle Männer hier unten der süßen Clio auf die Kiste starren wusste ich bereits. Aber dass jetzt auch Frauen anfangen, sich an ihrer Heckansicht zu ergötzen, hätte ich nicht gedacht.“ Jules Blicke fuhren herum und sie bemerkte, wie sie errötete.

  „Ich habe nicht gestarrt“, versuchte sie sich zu rechtfertigen, aber Rhoran lachte nur.

  „Na klar…“

  „Hat er dir denn wenigstens gefallen?“ Jules zuckte zusammen als eine sanfte, erotisch rauchige Stimme hinter ihr erklang. Sie drehte den Kopf und blickte in zwei rehbraune, mandelförmige Augen, die Jules nun von oben bis unten musterten. Der Teint ihrer Gesichtshaut war glatt und makellos und von angenehmer Schönheit. Ihre lockigen Haare fielen wallend über ihre Schultern. Die Frau, der sie gerade noch auf den Hintern gestarrt hatte, klimperte mit ihren langen Wimpern und wölbte ihre geschwungenen, dünnen Augenbrauen. Jules schluckte hart und ihre Hände wurden schweißfeucht. Etwas verlegen begann sie, mit der Zunge an ihrem Lippenpiercing herumzuspielen.

  „Ich…ähm…nein…ich meine…ja, doch…“ So schlagfertig sie auch sonst immer gewesen war, der Anblick dieser Frau verschlug ihr irgendwie die Sprache. Warmes Blut stieg ihr in den Kopf und sie wandte ihre Blicke schnell von der Frau ab und ließ sie auf das leere Glas auf der Theke zurückwandern. Die Frau lachte amüsiert.

  „Hey, kein Grund, gleich vor Scham im Boden zu versinken, Kleine.“ Sie streckte Jules die Hand entgegen. Ihre Fingernägel waren ordentlich manikürt worden und sie hatte lilafarbenen Nagellack aufgetragen. „Ich bin Clio.“ Jules gab ihr die Hand und schaute die Frau an. Die Berührung ihrer Hände erzeugte in Jules einen wohligen Schauer.

  „Jules. Ich bin Jules“, brachte sie kläglich hervor, bevor ihre Stimme ihren Dienst versagte und sie kräftig schlucken und sich räuspern musste, um sie wiederzufinden. Clios Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln.

  „Jules? Das ist ein schöner Name.“

  „Clio ist auch schön…“ Oh mein Gott, was mache ich da?

Clio zuckte mit den Achseln.

  „Na, zumindest schöner als mein richtige Name.“ Aus den Augenwinkeln erkannte Jules, wie Rhoran mit einem verschmitzten Lächeln ihr Glas erneut mit Tequila füllte, ein weiteres Glas auf den Tresen stellte und dies ebenfalls füllte.

  „Ich nehme an, du willst auch einen, Clio Schatz?“

  „Lass die Flasche hier und kümmere dich mal um deine anderen Gäste, Rhoran“, sagte sie und der Barkeeper tat wie geheißen. Jules wurde unruhig. Dass Rhoran sich nun zurückzog und sie mit dieser Frau quasi alleine ließ, behagte ihr nicht so recht.

  „Wie…wie ist denn dein richtiger Name?“ Clio seufzte und schwang sich auf den Barhocker neben Jules. Diese sog den Duft eines außergewöhnlichen Parfums in die Nase, der an ihr vorbeiwehte. Sie spürte, wie sich auf ihren Armen eine Gänsehaut bildete.

  „Mein richtiger Name?“ Clio zog eine Augenbraue hoch und ihre Blicke streifen die von Jules. „Ich weiß nicht, ob ich ihn dir sagen kann. Schließlich bist du neu hier und könntest wer weiß was sein.“ Jules nickte und presste ihre Lippen aufeinander.

  „Verstehe…“ Die Schülerin war etwas enttäuscht. Diese Clio hatte sie in Windeseile neugierig auf ihre Person gemacht, und nun wollte sie dieses Geheimnis für sich behalten. Normalerweise hätte sich Jules keineswegs dafür interessiert, aber diese Frau war  geheimnisvoll und zugleich faszinierend. Sie spürte den unendlich großen Drang, diese Clio stundenlang anzuschauen und all ihre Geheimnisse zu erkunden. Diese Frau mit ihrer patrizierhaften Eleganz und ihrer magischen, nahezu übernatürlichen Anmut, strahlte auf Jules eine Faszination aus, die sie so noch nie erlebt hatte.

  Was ist nur los? Liegt das am Schnaps? So betrunken bin ich doch noch gar nicht! Wieso fasziniert mich diese Frau? Jules kniff die Augen zusammen und fummelte mit zitternden Händen ihre zerknitterte Schachtel Marlboro aus der Hosentasche.

  „Magst du auch eine?“, fragte sie Clio und diese nickte.

  „Wird mich schon nicht umbringen“, kicherte diese und griff zu, als Jules ihr die offene Schachtel hinhielt. Sie führte die Zigarette so stilvoll an ihre vollen, blutroten Lippen, dass Jules nicht den Blick davon wegreißen konnte. „Hast du auch Feuer?“, lächelte Clio und Jules tastete ihre Taschen nach dem Feuerzeug ab. Der Tequila vernebelte langsam vollendend ihre Sinne.

  „Äh, ich glaube, ich hab gar kein Feuer“, musste Jules feststellen, doch da kam ihr eine Idee. Vor ein paar Monaten hatte sie schon einmal ihr Feuerzeug vergessen, und sich aus dieser Not heraus an die Fähigkeiten ihrer Mutter erinnert, die mit ihren dämonischen Energien Feuer entfachen konnte. Nachdem Jules etwas daran geübt hatte, hatte auch sie eine kleine Flamme an ihrem Finger entfacht, die eine enorme Hitze entwickelt, aber dennoch nicht geschmerzt oder ihre Haut verbrannt hatte.

  Also hob Jules einen Finger und hoffte, dass dieser kleine Trick wieder funktionieren würde. Normalerweise würde es an Selbstmord grenzen, diesen kleinen Dämonentrick in der Öffentlichkeit vorzuführen, aber hier unten war sie schließlich unter Gleichartigen.

  Sie fühlte in ihr Inneres hinein und befahl den roten Energien, eine kleine Flamme zu zaubern. Die Energien blitzten kurz auf, schlängelten sich über ihren Arm und bündelten sich an ihrem Zeigefinger, um dort tatsächlich eine kleine, hellorangene Flamme zu entfachen. Clio zog ihre Augenbrauen hoch und schien schwer beeindruckt.

  „Du hast ja doch Feuer“, grinste sie und nutzte die Gelegenheit, um sich ihre Zigarette an Jules Finger anzuzünden. Und als wäre das alles die natürlichste Sache der Welt, tat Jules es auch und löschte daraufhin ihren Finger wie ein Streichholz, in dem sie ihn einmal kurz schüttelte.

  „Manchmal ist es hilfreich, ein kleinwenig anders zu sein“, tat Jules mit einem Achselzucken ab.

  „Du bist also eine Dämonin?“, fragte Clio interessiert, aber Jules wiegelte ab.

  „Keine Vollkommene. Zu zweiviertel.“ Clio nickte, stützte sich auf der Theke ab und fuhr mit der anderen Hand durch ihr volles Haar.

  „Und das ist dein Geheimnis“, sagte sie leise. Jules nickte.

  „Ja, das ist es wohl…“ Clio schaute auf ihr Glas mit Tequila, setzte es an ihre Lippen und kippte es in einem Zug herunter, ohne das Gesicht zu verziehen.

  „Mein richtiger Name lautet Cleopatra VII. Philopator“, sagte Clio plötzlich, griff ganz unaufgeregt zur Flasche und füllte erneut ihr Glas. Jules machte große Augen und schüttelte kaum merklich den Kopf.

  „Bitte, wie war das?“ Clio kicherte.

  „Deswegen nenne ich mich Clio. So ungläubig wie du gucken die meisten.“ Jules wischte sich mit einer Hand durchs Gesicht.

  „Du willst sagen, du seist Cleopatra? Die Cleopatra?“

  „Jap!“ Jules grinste, als würde sie Clio nicht ganz für voll nehmen. Sie sollte eine altägyptische Pharaonin sein? Eine, die vor mehr als zweitausend Jahren starb? Jules hatte schon viel Seltsames gesehen und gehört in ihrem Leben, aber das war doch ein wenig zu viel des Guten.

  „Du bist besoffen“, ätzte Jules, aber anstatt ihr diesen Ausbruch übelzunehmen, lachte Clio sanft.

  „Ja, das bin ich. Und ich bin eine zweitausend Jahre alte Pharaonin. Glaub es oder lass es, Süße.“ Jules musterte Clios Gesichtsausdruck. Sie meinte es tatsächlich ernst.

  „Du…du verarscht mich auch nicht?“

  „Wenn ich dich verarschen wollte, würde ich dir erzählen, dass Schweine fliegen können. Du hast mir dein Geheimnis anvertraut und ich dir meines.“ Die Schülerin atmete tief durch.

  „Solltest du dann nicht irgendwo als Mumie in einem Museum liegen?“, fragte Jules flapsig. Clio lachte leise, wobei sich kleine Fältchen um ihre Augenränder bildeten.

  „Nein, dieses Schicksal hat einst meine Dienerin getroffen. Du musst wissen, sie war nicht nur meine Dienerin, sondern auch meine Doppelgängerin. Eine Art Stuntdouble wenn du so willst. Als sie sich selbst vergiftete, gingen alle davon aus, dass ich es gewesen sei.“ 

  „Wow, das ist stark“, murmelte Jules, füllte erneut ihr Glas und kippte es ebenfalls in einem Zug herunter. Der Mexikoschnaps brannte sich durch ihre Kehle und ihr Magen zog sich zusammen. Mit einem leichten Schaudern knallte sie ihr Glas zurück auf die Theke.

  „Na, so stark ist das eigentlich gar nicht“, gab Clio zurück und ihre Stimme senkte sich. Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. „Für die meisten mag Unsterblichkeit wie ein Segen klingen, aber für diejenigen, denen sie zuteil geworden ist, ist es zumeist ein Fluch.“ Jules nickte.

  „Ja, das kann ich mir denken…“

 

Paranormal-Gefallene Engel

 

Die Blicke des jungen blonden Mädchens waren ausdruckslos und kalt, ihre Erscheinung wie Nebel im Morgengrauen. Regungslos stand sie vor dem herrlich geschmückten Grab, über das ein prachtvoller weißer Engel auf einem Marmorsockel wachte, seine Hände gefaltet und seine Flügel voller Trauer angelegt. Sie hatte vielen Menschen etwas bedeutet, dieses Mädchen, dessen kalter lebloser Körper da unten lag. Getötet von einem Dämon, aller Lebensenergie beraubt, ihre Träume geschändet von einer dunklen Kreatur der Hölle.

Das Mädchen, das dort am Grab stand und traurig und hilflos auf die Regentropfen starrte, die von dem Marmorsockel abperlten, konnte sich nur zu gut an ihren Tod erinnern. In jeder Sekunde, in der sie einfach so dastand, überfluteten sie die Schmerzen und die Angst, die sie zum Zeitpunkt ihres Todes gespürt hatte. In jeder Sekunde sah sie diese hässliche, grauenvolle Fratze des Dämons vor sich, der ihr das Leben genommen hatte.

Vor wenigen Tagen war sie noch ein junges und herzensgutes Mädchen, das sich für die Waisenkinder in Eritrea stark gemacht hatte. Sie hatte alle ihre guten Beziehungen durch ihre Eltern genutzt, um Gutes zu tun in einer Welt, die immer düsterer und trauriger wurde. Und sie hatte Träum wie jedes Mädchen in ihrem Alter. Träume von großer Liebe, Heirat, Kinder. Sie wollte der grauen Welt trotzen, wollte sie besser machen. Sie wollte all das, was die Engel auch wollten, nur niemals geschafft hatten.

Doch nun war sie tot und alles, was von ihr übrig war, war der verwesende Körper tief in der Erde und die traurige graue Seele, die im strömenden Regen auf dem Friedhof stand und sich ihr eigenes Grab beschaute. Wäre sie noch ein Mensch, hätte sie vielleicht geweint. Doch der Mensch lag unter ihr tief in der nassen Erde; ihr Körper, den sie immer gemocht hatte.

So ist es also, tot zu sein. Leer und kalt.

Eine Weile beobachtete sie noch die Regentropfen, schaute dann in den Himmel und versuchte, sich das Wasser über ihr Gesicht laufen zu lassen. Doch wo kein Körper war, da war auch keine Haut, die etwas empfinden konnte. Und auch sonst spürte sie nichts. Keine Schmerzen quälten sie mehr. Ein seltsames Gefühl.

 Sie öffnete ihre Hände, streckte sie vor sich aus und schaute zu, wie die Regentropfen auf ihre Handfläche platschten. Sie beobachtete, wie die Sonnenstrahlen, die sich nun durch die dicken Regenwolken quälten, sich in den Tropfen brachen. Sie versuchte die Wärme und das Wasser auf ihren Händen zu spüren, doch auch dass vermochte sie nicht.

Du bist frei, Nicki!  Eine sanfte Stimme, aber nicht ihre. Sie schaute sich um, doch außer ihr war niemand sonst auf dem Friedhof. War diese Stimme vielleicht ein verzerrtes Echo ihrer eigenen Gedanken?

Dreh dich um, Nicki! Das blonde Mädchen tat, was die Stimme wollte und dreht sich herum. Die Stimme von der sie dachte, dass es nur Gedanken wären, hatte sogar eine Gestalt. Eine Gestalt und ein wunderschönes, makelloses Gesicht. Seine Erscheinung strahlte in gleißendem Weiß, seine langen hellen Haare fielen sanft auf seine Schultern und seine leuchtend weißen und seltsam ausdruckslosen Augen glitzerten, als wären sie mit Millionen Glassplittern gespickt.

Nicki neigte ihren Kopf und war von der leuchtenden Erscheinung wie geblendet. Ein großer weißer Fleck in der grauen Landschaft. Eine Insel des Lebens zwischen all dem Tod.

„Bist du ein Engel?“, fragte sie leise und war etwas erschrocken über ihre eigene Stimme. Kalt, ausdruckslos und genauso grau wie die  Erscheinung ihrer Seele. Die Gestalt trat näher an Nicki heran und lächelte warmherzig.

 „Ja, das bin ich. Mein Name ist Jirthiel, der Engel der Wiedergeburt.“ Seine Stimme war sanft und weich, und klang in Nickis Ohren wie süßer Honig. Sie war fasziniert von seiner Erscheinung, war ihr doch noch nie zuvor ein echter Engel begegnet.

 „Und was willst du?“

„Ich bin gekommen, um dir eine neue Chance zu geben, Nicki. Du musst wissen, alles, was auf dieser Welt geschieht, unterliegt einem großen Plan. Dein früher Tod war von den Mächten des Universums nicht geplant. Ich werde die Dinge wieder richtigstellen.“ Er neigte seinen Kopf zur Seite und verzog seine Mundwinkel. „Und außerdem war ich einem guten Freund noch einen Gefallen schuldig.“ Nicki war etwas verwirrt. War ihre Seele deshalb noch hier auf Erden? Weil ihr Tod nicht geplant war?

 „Ich werde wieder leben?“, fragte sie vorsichtig. Der Engel legte eine entschuldigende Miene auf.

 „Nun ja, es wird nicht wieder so wie früher. Du wirst kein Mensch mehr sein können, aber ich kann dir anbieten, einer von uns zu werden.“ Das Mädchen war überrascht. Sie sollte ein Engel werden? Wieso?

 „Ein Engel? Du willst mich zu einem Engel machen?“ Jirthiel nickte leicht.

 „Natürlich nur, wenn du bereit dazu bist und dies auch möchtest. Aber lass dir vorher eines gesagt sein, junge Nicki: Ich kann dir deinen Körper nicht wiedergeben. Das Einzige, was ich für dich tun kann, ist, dich zu einem Schutzengel zu machen.“

„Ein Schutzengel?“

„Ein Engel, der nur demjenigen dient, dem er zugeteilt wurde. Ein körperloser und nicht allzu mächtiger Engel.“ Er zuckte leicht mit seinen Schultern. „Alles andere wäre selbst für uns zu kompliziert.“ Nicki überlegte kurz. Was war die Alternative? Himmel oder Hölle. Oder ein ewiges „Leben“ als rastlose Seele, die auf der Welt umherirrte. Selbst für jemanden, der in seiner körperlosen Gestalt nichts empfinden konnte, eine durchaus beunruhigende Vorstellung. Jeder Mensch wusste um die Existenz von Engeln, Dämonen, Himmel und Hölle. Doch niemand hatte bislang davon berichten können, was mit einer Seele nach dem Tod wirklich geschah. Die Vorstellung nicht zu wissen, an welchen Ort sie ginge, wenn sie die Erde für immer verließ, war schrecklich und weckte in ihr ein Gefühl, das anscheint doch noch geblieben war: Angst!

„Wem wäre ich zugeteilt, Jirthiel?“

„Dem einzigen Menschen, dem du je wirklich etwas bedeutet hast, Nicki.“ Der Engel machte eine kurze Pause, in der Nicki darüber nachdachte, wem sie am meisten bedeutet hatte. Jedes andere junge Mädchen hätte vielleicht an seine Eltern gedacht, doch die waren zu Nickis Lebzeiten zu geschäftig gewesen, um wirklich eine echte Beziehung zu ihrer Tochter aufbauen zu können. Natürlich, auch nach dem Tode blieb sie ihre Tochter, ihr Fleisch und Blut. Und doch gab es da jemanden, der ihr eher in den Sinn kam als ihre Eltern.

 „Jules?“ Jirthiel nickte langsam.

„Sie hat den Dämon getötet, der dir das Leben genommen hat. Sie hat ihr eigenes Leben riskiert, um deinen Tod zu rächen. Es vergeht keine Sekunde, in der sie nicht an dich denkt, Nicki.“ Das Mädchen kniff ihre Lippen zusammen und besah sich ihre Hände. Grau und tot, wie der Rest ihrer Gestalt. Das war alles, was sie noch war. Und alles, was sie im Herzen ihrer Freundin hinterlassen hatte. Ein graues, totes Loch. Wenn sie an Jules dachte, konnte sie fast ihren Schmerz und ihre Trauer fühlen. Sie gäbe alles dafür, wieder mit ihr vereint zu sein.

Nicki wandte die Blicke von ihren Händen ab und schaute den Engel an. Ein Engel zu werden und bis zum Ende aller Tage mit ihrer Freundin zusammen sein? Das war fast zu schön, um wahr zu sein. Und doch klang das Angebot irgendwie surreal. Ein Schutzengel für einen Halbdämon?

„Jules trägt einen Dämon in sich. Wie kann ich…“ Sie stockte und fand die passenden Worte nicht. Die Mundwinkel des Engels zuckten.

„Du kannst, Nicki. Engel und Dämonen sind nicht so verschieden, wie alle glauben. Es gibt gute Dämonen und schlechte, genauso wie es gute und schlechte Engel gibt. Jules stammt von einem Dämon ab, der Luzifers Hölle den Rücken kehrte und seine Gnade bei Gott suchte. Der Himmel hat kein Problem damit, sie bei ihrem Weg zu unterstützen und ihr einen Engel beiseite zu stellen.“ Das Mädchen nickte leicht. Sie wusste schon immer, dass Jules gutherzig war. Und dass der Dämon in ihrem Inneren schwierig, aber niemals wirklich bösartig war. Denn er ließ sich kontrollieren. Seit dem Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, wusste Nicki, was Jules war. Und dass sie ihr trotz allem eine Freundin sein konnte. Sie wusste schon immer, dass der Dämon in Jules ihr nie etwas antäte.

„Und wieso?“, fragte sie dann leise und ein wenig schüchtern, und der Engel setzte einen leicht verwirrten Ausdruck auf. „Ich meine, wieso soll ich ein Engel werden?“ Jirthiel lächelte.

„Du warst immer ein guter Mensch, Nicki. Und wie bereits gesagt, schulde ich einem Freund noch einen Gefallen.“ Das blonde Mädchen nickte.

„Dann möchte ich ein Engel sein“, sagte sie leise.